Vom Glück, nichts zu fangen

von Kay Synwoldt

Uns Anglern geht es nicht ums Fische fangen. Das (Karpfen-)Angeln bietet so viel mehr, es geht um das Naturerlebnis, die einzigartige Atmosphäre am Wasser. Das wird jedenfalls gerne behauptet.
Schon klar, der Weg ist das Ziel. Und selbstverständlich halte auch ich inne, wenn die Sonne über dem Wasser am Horizont versinkt und dabei den ganzen Himmel in Feuer taucht.

Augenblick der Glückseligkeit

Was dann folgt, ist derzeit weniger erfreulich. Denn nach wenigen Minuten der Glückseligkeit bin ich im Fluchtmodus und muss ich mich schnell in mein Zelt verkriechen. Schnell die Front zu und jede noch so kleine Lücke abdichten heißt es dann. Wenn ich nicht binnen Minuten von einem Heer an Blutsauger leer gesogen werden will. Für mich alles andere als ein Spaß – vom anschließenden, tagelangen Gejucke einmal abgesehen.

Ich werde euphorisch, wenn sich der extra für diesen Selbstversuch geschärfte Haken in meinen Zeigefinger gräbt.“

Ich bin glücklich, wenn sich 500 Milliliter Tuna-Liquid in mein Carryall ergießen, weil ich nach dem letzten Gebrauch den Flaschenverschluss nicht richtig zugedreht habe. Ich lache, wenn ich vor dem Angeln mein Tackle im strömenden Regen über den aufgeweichten Acker schleppen und danach am See aufbauen darf. Kescher und Wiegeschlinge werden so nämlich automatisch nass. Ganz ohne den sonst üblichen Fischgestank.
Ich werde euphorisch, wenn sich der extra für diesen Selbstversuch geschärfte Haken in meinen Zeigefinger gräbt und ich gerate regelrecht in Exthase, wenn sich mein Watstiefel mit kaltem Teichwasser füllt, weil ich mich bei der Tiefe im Uferbereich verschätzt habe.
Wer braucht da noch einen Biss? Mein letzter liegt ohnehin schon Wochen zurück.

Piepsende Bissanzeiger garantiert!

Keine Sorge, auf das Piepsen meiner Bissanzeiger musste ich trotzdem nicht verzichten. Letzte Nacht zum Beispiel. Da durfte ich das durchdringende Geräusch in regelmäßigen Abständen genießen. Auflandiger Wind trieb ständig neue Krautfahnen in die Schnur. Ein regelrechtes Konzert – offensichtlich nur für mich inszeniert!
Fängiges Wetter? Habe ich auch gedacht.
Am Morgen habe ich dann (ohne Biss!) mit einem Kaffee in der Hand den Aufzug der nächsten Regenfront verfolgt. Auch mein Abbauen viel damit buchstäblich ins Wasser.
Was für ein Bonus für meine rundum gelungene Session. Nein danke, ich brauche keinen Fisch, ich bin auch so glücklich.

Von wegen, ich brauche keinen Fisch. Dafür gehe ich angeln. Dafür gehen wir alle angeln.“

Jetzt mal ehrlich: Diesen Quatsch glauben Sie doch nicht wirklich?
Von wegen, ich brauche keinen Fisch. Dafür gehe ich angeln. Dafür gehen wir alle angeln.
Das Gegenteil behaupte ich nur, wenn ich (wieder einmal) leer ausgegangen bin.

Aufs Wesentliche fokusiert

Ist natürlich einfach, vom schönen Naturerlebnis zu faseln, um vom Wesentlichen abzulenken. Die harten Fakten werden gewissermaßen in Watte gepackt, schön geredet. Es hört sich weniger hart an und wir müssen uns die erlittene Niederlage nicht eingestehen.
Es ist menschlich, nach dem soundsovielten Blank in Folge aus der Not eine Tugend zu machen.
Ich gebe es gerne zu: Wenn ich nichts fange, bin ich angefressen. Auch wenn ich oft an Gewässern fische, an denen das Blanken eher die Regel als die Ausnahme ist und ich im Nichtsfangen eigentlich Übung haben sollte.

Ich will fangen!