Madonna und der Mai

Was hat die Pop-Ikone Madonna der Neunziger mit dem ersten Mai zu tun? Eigentlich wollte unser Autor Patrick Reuter am Maifeiertag nur die Ruhe genießen. Aber wie das so ist: Meistens kommt es anders als erwartet.

Kurz nach 7:00 Uhr morgen. Ich schiebe meinen Trolley mit dem Nötigsten beladen ans Flussufer. Auf dem Weg dorthin ist mir niemand begegnet. Die Luft ist noch kalt, das Gras nass vom Morgentau. Nur ein paar Gänse auf der Wiese begrüßen mich lautstark. Menschen sind weit und breit nicht in Sicht. Kein Angler, kein Spaziergänger und kein Hundebesitzer. Welch herrliche Stille! So haben die aktuellen Kontaktbeschränkungen doch noch ihren positiven Aspekt. Und so ruhig habe ich mir meinen 1. Mai vorgestellt – abseits von Demos, wichtiger Kundgebungen und Debatten. Da die Raubfischsaison hier erst später beginnt, bleibt mir sogar der andernorts übliche Ansturm der Spinnangler erspart.

Nur ein paar Gänse – kein Mensch weit und breit

Im Handumdrehen liegen meine Montagen im Flussbett. Ein paar Kellen Boilies fliegen hinterher, ich weiß genau, was zu tun ist. Schließlich befische ich den Platz schon seit Wochen regelmäßig. Der Wetterbericht hat leichte Regenschauer vorhergesagt. Deshalb stelle ich meinen Schirm auf. Zu meinem Glück fehlen jetzt nur noch eine Tasse Kaffee und ein Karpfen.

Aus den Büschen dröhnt Madonnas Klassiker „Like a prayer“ mit voller Lautstärke.“

Den Kaffee habe ich etwa eine Stunde nach Ankunft am Start. Mein Blick wechselt zwischen Rutenspitze und Wasseroberfläche, als ich plötzlich Schritte höre. Zunächst denke ich an einen Spaziergänger, der unmittelbar hinter mir in Richtung Altwasser läuft. Das beginnt nur einen Steinwurf links von mir.

Zeit für Kaffee

Wenige Sekunden später bleibt mir mein Kaffee fast im Halse stecken. Aus den Büschen dröhnt Madonnas Klassiker „Like a prayer“ mit voller Lautstärke. Beim Blick über den Schirm traue ich meinen Augen kaum: Im nahen Baum hängt ein Kofferradio und ein „Petrijünger“ richtet sich nur einen Steinwurf neben mir ein.

Als er mich sieht, kommt der Kollege angelaufen: Ein grauer Wolf, Generation 60+. Mit Kippe im Mund, in eine Wolke Dolche & Gabbana Parfum gehüllt.
Es folgt die obligatorische Frage: „Grüß dich, schon was gefangen?“
Wir sind also direkt per DU.

Mein Blutdruck steigt, denn eigentlich will ich am Wasser meine Ruhe.“

Apropos Du: „Du fängst Dir gleich eine, wenn Du nicht Dein Radio ausschaltest“, denke ich bei mir.
Ehe ich meine Drohung aussprechen kann, setzt er sein Verhör fort. Vom Radiomoderator wird gerade Helene angekündigt. Mit guter Laune in den Mai, so das Motto. Dazu passend löchert mich mein Gegenüber mit Fragen zu Köder, Ruten und Ausrüstung.
Mein Blutdruck steigt, denn eigentlich will ich am Wasser meine Ruhe.

Der Bieber auf Streifzug

Aber auch ich habe eine Frage: „Gilt am Altwasser nicht angeln verboten?“
Selbstsicher erklärt mir der Vollblutangler, er habe eine Sondergenehmigung. Er schaue im Altwasser nach dem Biber, daher seine Sonderrechte. Ach so.Während der Biberbeauftragte seine Kippe lässig vor mir ins Wasser schnippt, stelle ich mir die Frage, ob der Biber auch auf Popmusik der 90er steht?

Nichts wie weg!


Mir reicht es für heute. Innerhalb von Sekunden steht mein Entschluss fest: Sofort einpacken und nichts wie weg hier!

Ein paar Stunden später und einige Kilometer flussabwärts findet mein 1. Mai dann doch noch ein versöhnliches Ende.“


Mit einem der großen Hits vom DJ Ötzi endet dieses besondere Kennenlernen. Der Musikfan erkundigt sich noch kopfschüttelnd nach den Gründen für meinen hastigen Aufbruch. Ich verzichte auf einen Kommentar und wünsche ihm stattdessen noch einen schönen Feiertag. Danach schiebe ich meinen Trolley zurück zum Auto. Allerdings fahre ich nicht nachhause.

Versöhnliches Ende

Ein paar Stunden später und einige Kilometer flussabwärts findet mein 1. Mai dann doch noch ein versöhnliches Ende. Sogar einen Karpfen kann ich noch landen. Die Klänge von Madonna habe ich allerdings immer noch im Kopf.