Warum tue ich mir das an?

Samstag Abend, 20:30 Uhr, Mitte November: Ich sitze alleine in meinem Tempest-Bivvy und reibe mir mit einem Handtuch den Kopf trocken. Draußen ist es schon seit einer gefühlten Ewigkeit stockfinster, es gießt wie aus Eimern. Der Wind bläst sturmartig, über mir höre ich die bereits leer gefegten Äste im Luftstrom heulen.

Meine Laune ist auf dem Tiefpunkt, denn bereits beim Aufbauen bekomme ich die volle Ladung Regen ab. Alles ist nass und ich meine: so richtig nass! Ungemütlicher geht es kaum. Ich frage mich in solchen Situationen nicht zum ersten Mal, warum ich mir das überhaupt antue? Zumal das Sauwetter keine Überraschung ist. Der Wetterbericht hat exakt das gemeldet. Vielleicht hätte ich zuhause bleiben sollen? Oder doch nur eine Tagessitzung?

Meine einzige Lichtblicke sind die Tatsache, dass meine Ruten perfekt liegen, ich soeben die Zeltheizung angemacht habe und ich mir gleich einen trockenen Jogger samt Kapuzenpullover überziehen werde.

Es dauert zwar eine Weile, aber dann hat mein Heizstrahler den Zeltinnenraum angenehm aufgewärmt.

Draußen werden Regen und Wind immer kräftiger. Der Wetterdienst gibt sogar eine Unwetterwarnung heraus. Selbst mein an sich stabiles Tempest wackelt inzwischen wie verrückt und ich hoffe, dass es den Naturgewalten standhält. Es muss so gegen 22:00 Uhr gewesen sein, als ich einschlafe. Ich will nichts mehr von der Welt sehen und hoffe angesichts des schlechten Wetters, dass kein Anbiss kommt.

Gegen 23:30 Uhr wird es dann doch hektisch. Mein Delkim meldet sich. Mit einem lauten Zipp reiße ich die Tür des Bivvys auf und renne zu den Ruten. Dabei habe ich nicht damit gerechnet, dass der Regen das ablaufende Ufer inzwischen völlig aufgeweicht hat. Ich rutsche auf dem schmierigen Lehmboden aus und liege wie ein Käfer auf dem Rücken. Trotzdem versuche ich meine Rute zu greifen, denn meine Montage liegt nicht weit von dickem Wurzelwerk entfernt.

Es schüttet immer noch, aber meine Regenjacke liegt im Zelt. Nun sind nicht nur Rücken und Hinterteil komplett mit Lehm beschmiert, nun saugen sich Baumwollkapuzenpullover und Jogginghose innerhalb von Minuten mit Wasser voll. „Warum tue ich mir das an!“, rufe ich laut über den See.

Die Freude über den wenig später im Netz liegenden 30er Schuppi hält sich deshalb auch in Grenzen. Dazu kein fertiges Rig mehr. War ja klar. Also Tacklebox raus und mitten in der Nacht eine neues Rig binden. Ich hasse es!

Es ist noch stürmischer geworden und ich bekomme selbst nach mehreren Versuchen die Rute nicht mehr auf den Platz. Der Wind ist einfach zu stark, die Entfernung von etwa 80 Metern zu groß. Ich kapituliere, werfe meine Rute vor Wut in die Sträucher und verschwinde im Zelt. Und wieder frage ich mich, was ich hier in dieser ewigen Dunkelheit eigentlich mache? Wenn ich nicht effektiv angeln kann, kann ich auch gleich zuhause bleiben. Einen Moment denke ich sogar darüber nach einzupacken. Doch die Vernunft siegt. Denn mein Zelt hätte ich bei dem Sturm nicht einpacken können. Hätte ich Sturmstangen und Heringe gelöst, wäre mein Bivvy wie ein Drachen davon gesegelt.

Gegen Morgen hat der Wind deutlich an Kraft verloren. Im Rekordtempo stopfe ich meine Sachen in den Wagen. Ich brauche Abstand zum Angeln, will einfach nur noch nach Hause.

Zwei Stunden später bin ich frisch geduscht, habe etwas Warmes gegessen und schmiede neue Pläne. Mein Nachtangelequipment bleibt jetzt erst mal zuhause, ich fische ab sofort wieder tagsüber. Aber ich gehe trotzdem los, bleibe nicht Zuhause. Das Angeln ist wie eine Sucht, das Jagdfieber lässt mich nicht zur Ruhe kommen.

Genau eine Woche später ziehe ich im Morgengrauen meinen mit Rädern montierten Karpfenstuhl über die matschige Wiese zum Angelplatz. Nur einmal laufen – dann ist alles am Platz. Etwa zehn Minuten später sitze ich mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinter meinen Ruten. Ich fische noch etwas näher vor den Hindernissen, unter die sich die Fische jetzt zum Winter hin gerne zurückziehen. Ich habe noch stabileres Material gewählt. Darunter einen etwa 20 Meter langen XT Snagleader in 60lb, gepaart mit einem 50lb Arma Kord Vorfach und XX Haken der Größe 2.

Ich werde versuchen, mit regelmäßigen, kurzen Tagesansitzen den Winter durch zu fischen.

Um 10:15 Uhr verneigt sich die rechte Rute, meine Taktik scheint aufzugehen. Ich nehme Kontakt auf und schaffe es, den Fisch glücklicherweise sofort in meine Richtung zu lenken. Mit deutlich mehr Freude als beim Schuppi vom letzten Wochenende ziehe ich kurz darauf einen kugelrunden Spiegler ins Netz.

Nun weiß ich es wieder: genau dafür tue ich mir das an!

Bitte geben Sie die Zeichenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.