VOM STURM GEKÜSST

Das sich vervielfältigende Verlangen nach wohlduftenden und nassen Fischfingern beschert mir jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut, wenn ich früh morgens im Zug sitze und auf dem Weg nach Frankfurt an den unzähligen Möglichkeiten für unser geliebtes Hobby vorbei sause. Im goldenen Herbst noch durch eine Knieverletzung eingeschränkt, muss ich nun jeden Tag diesen Cocktail aus Seen, Flüssen und Teichen passieren. Für mich jedes Mal eine Reise an die Grenzen der Belastbarkeit. So wie ein Junkie seinen Schuss braucht, brauchen wir das Gefühl der Freiheit und Zufriedenheit, dass man erfährt, wenn man endlich am Wasser angekommen ist.

Als sich ein Zeitfenster abzeichnete, wann ich das erste Mal wieder ans Wasser kommen kann, wurde selbstredend alles in die Wege geleitet, damit mein Saisonstart gelingt. Am Tag X kam ich mit erhöhtem Puls und einem Dopaminverbrauch, der wohl bei manchen für ein ganzes Leben reichen würde, am Wasser an.

Schon ein paar Tage zuvor hatte ich am See nach möglichen Aktivitäten von Fischen gesucht. Angesichts der immer noch kalten Wassertemperaturen allerdings vergeblich. Ich wollte auch dem Flachwasserbereich des Sees eine Chance geben, da zumindest die etwas erhöhten Außentemperaturen der vergangenen Tage den ein oder anderen Rüssler möglicherweise in Bewegung gebracht haben.

Meine beiden Rigs legte ich auf zweieinhalb und fünf Metern ab. Ich wollte so gut wie möglich abklopfen, in welcher Tiefe sich die Fische aufhalten. Ich hatte verschiedene Köderpräsentationen vorbereitet und entschied mich für den Anfang für eine ausbalancierte Snowmanmontage am Kombi-Rig. Meinen Hakenköder habe ich mit einem Booster behandelt, da die Attraktivität der Hakenköder zu dieser Jahreszeit für mich eine besonders große Rolle spielt.

Als Futter kamen hier ganze und halbierte Fischboilies, passender Teig und Jellybeans zum Einsatz. Pro Rute fütterte ich zirka 150 Gramm möglichst nah am Hakenköder.

Seit geraumer Zeit stieg in mir wieder einmal dieses Gefühl der vollkommenen Zufriedenheit hoch. Ich wartete entspannt auf was da wohl kommen sollte.

Die erste Nacht konnte ich durchschlafen, war dann am nächsten Tag aber dementsprechend früh wach. Gerade gefrühstückt und gestärkt vermeldete meine Rute aus dem Flachwasserbereich einzelne Piepser. Auf meinem Weg zur Rute hatte ich schon das Bild einer kleinen Brasse im Kopf, die sich an meiner Montage aufgehangen hatte. Doch als mein Gegenüber anfing konstant Schnur zu nehmen wurde ich eines Besseren belehrt. Ich machte direkt das Boot klar und bewegte mich dem Fisch entgegen. Jetzt durfte nichts schief gehen!

Trotz eisiger Temperaturen nachts und in den frühen Morgenstunden machte mein Gegenüber mir unmissverständlich klar, dass er definitiv keine Lust auf ein Foto hatte. Nach etwa fünf Minuten war ich direkt über ihm. Ich konnte ihn das erste Mal sehen und meine Vermutung, dass es ein besserer Fisch war, bestätigte sich. Nach ein paar weiteren Fluchten in Richtung Unterholz konnte ich ihn dann doch sichtlich erleichtert eintüten.

Den restlichen Tag blieb es still und ich schlug meine Zeit mit Netflix, Telefonaten und Essen kochen tot.

Gegen 21:00 Uhr meldete sich wieder die Rute im Flachwasserbereich mit ebenso zögerlichen Piepsern wie am Morgen. Aufgrund vorangegangener Ereignisse war ich diesmal sehr schnell an der Rute und suchte sofort den Kontakt zum Fisch. Allerdings konnte ich diesmal nicht sofort einordnen, in welcher Gewichtsklasse mein Gegenüber sich bewegte, da er sich wie ein nasser Sack einkurbeln ließ. Nach knappen zwei Minuten war ich dann umso verblüffter, als ein super schöner Spiegler vor mir auf der Matte lag.

Mit nun zwei guten Fischen in die Saison gestartet, legte ich meine Rute erneut mit ein wenig Futter aus und verzog mich dann in mein Bivvy.

Am nächsten Morgen wurde ich durch ein paar lautstark kommunizierende Gänse geweckt. Ich musste erst einmal meine Gedanken sammeln und wach werden.

Nach knapp 10 Minuten wurde meine Aufwachphase mit dem Ton unterbrochen, den wir alle so sehr lieben: ein VOLLRUN!

Wilde Schläge, viel Gezappel und Richtungswechsel im Sekundentakt. Ich vermutete, dass ich diesmal einen der Halbstarken erwischt hatte. Ich sollte Recht behalten.

Schnell den Fisch verarzten und ablichten. Es sollte ein Sturm aufziehen, der es in sich hat!

Mit drei Fischen auf der Habenseite waren die knackigen Temperaturen der vergangenen Nächte und meine eiskalten Pfoten vergessen und es ging schnell ans Einpacken.

Leider gelang mir die Flucht vor dem Sturm nicht ganz. So musste ich mein Wiegedreibein und meinen Kescher, die vom aufkommenden Sturm erfasst wurden, aus dem Wasser fischen. Aber ich hatte noch Glück im Unglück. Denn gerade als ich mein Boot wieder zurück an seinen festen Liegeplatz brachte, stürzte nur 20 Meter neben meinem erst kurz zuvor abgebauten Camp noch ein riesiger Baum ins Wasser, den der Sturm komplett aus den Wurzeln gehauen hat.

Mir war es egal. Mit einer super Bilanz trat ich die Heimreise an und hatte nebenbei genug Energie getankt um am nächsten Tag wieder entspannt im Zug zu sitzen und in Ruhe über meine nächsten Sessions zu philosophieren.

Dominik Philipp

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