(Un)Glück

Milder Westwind, Temperaturen im zweistelligen Bereich und trällernde Vögel lassen einen glauben, der Frühling stehe vor der Tür. Schaut man wenige Wochen zurück, wirkt der Eindruck surreal und trügerisch. Schnee, Eis und Frostnächte mit bis zu minus 15°C machten das Angeln vielerorts unmöglich. Klimawandel sei Dank gehören die Eisschollen auf dem Wasser und festgefrorene Rollen (vorerst) der Vergangenheit an.

Trotz der widrigen Bedingungen in den letzten Wochen versuchte ich der Eiszeit zu trotzen. Aber wie gewohnt klebte mir bei meinem ersten Anlauf das Pech an den Versen.

Ein paar Auszüge aus meiner „Liste des Schreckens“ gefällig? Geldbörse vergessen. Dadurch musste ich von trocken Brot und Wasser zehren. Schnurabriss durch Lastenkahn, oder der Feuerwehreinsatz, der mich zwang mein Camp in aller Früh umzubauen. Und zu guter Letzt musste ich feststellen, dass der Akku meiner neuen Kamera zu Hause im Ladegerät geblieben war. Vielleicht auch besser so. Womöglich wäre sie mir sonst aus der Hand gefallen. Ach ja, gefangen habe ich natürlich nichts – trotz vorfüttern. Mit jeder Menge Neujahrsblues trat ich danach wie ein geprügelter Hund den Heimweg an. Ein perfekter Fehlstart.

Aber trotz meines ernüchternden Saisonauftakts ließ ich mich nicht unterkriegen. Ein solcher Fehlschlag wirft mich nach meiner eher suboptimal verlaufenen, vergangenen Saison an der Havel nicht mehr aus der Bahn. In der Zeit am Strom habe ich einen dicken Pelz bekommen und gelernt, mit Frustration umzugehen. Getreu dem Motto: Im Grunde ist jedes Unglück gerade so schwer, wie man es nimmt. Es hätte also alles schlimmer kommen können.

Meinen Platz am Kanal hielt ich weiterhin unter Futter und bereitete mich mental auf die nächste Katastrophe vor.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit lagen die Montagen in einer ruhigen Bucht mit Totholz.

Diesmal hatte ich mit 90 anstatt mit 20 Gramm Bleien abgesenkt. Damit nicht gleich der erste Lastenkahn meine Schnur einkassiert. Trotz der schweren Absenkbleie bekam ich schwitzige Hände und stand nahe meiner Ruten, als sich der erste Kahn seinen Weg durch den Kanal bahnte. Man kann ja nie wissen. Ein paar einzelne Piepser, aber nichts passierte. Diesmal verschlang die Schiffsschraube nicht meine Schnur.

Eine lange (Winter)Nacht begann. Da blieb viel Zeit zum Lesen und die Stille zu genießen. Meine Gedanken schweiften ab in die vergangene Saison an der Havel. Das (Un)Glück war mir ein strenger Lehrer. Kleinste Unachtsamkeiten wurden hart bestraft. Meine Anstrengungen standen nicht wirklich im Verhältnis zum Ergebnis. Nichtsdestotrotz keimte Vorfreude auf die kommende Saison in mir auf. Das Gefühl der Freiheit und Faszination der großen Wasserflächen treibt mich seit jeher an. Doch bis es sich lohnt einen Platz an der Havel vorzubereiten, überwintere ich am Kanal. Hier stehen die Chancen besser für einen Winterkarpfen. Außerdem ist die Angelei mit weniger Aufwand verbunden. An viele Stellen kann ich direkt mit meinen Bus ans Ufer fahren und darin schlafen. Innerhalb kürzester Zeit ist alles auf- und abgebaut. Dann schmerzen die Einschläge des Unglücks weniger, als wenn man anschließend noch das Camp mit kalten Händen abbauen, mit dem Boot übersetzen muss, um dann am Ende alles wieder zu Hause auszupacken und trocknen zu lassen. Die Bootsangelei hebe ich mir für die warmen Frühlingstage auf. Beim Gedanken an die ersten sonnigen Tage und milden Nächte auf meinem Boot könnte ich Schmetterlinge kotzen.

Just in diesem Moment wurde ich aus meinen Gedankengang gerissen und stand mit krummer Rute am Kanal. Am anderen Ende der Schnur leistete ein Kämpfer bis zum Schluss erbitterten Widerstand – trotz nur 6°C Wassertemperatur. Diesmal konnte ich den Kanal bezwingen und meinen ersten Winter-Karpfen in meiner neuen Heimat Potsdam landen. Anders gemacht habe ich übrigens nichts, als in der Pech-Session zuvor. Einfach kontinuierlich alle zwei Tage drei Hände Boilies gefüttert und am Angeltag drei Murmeln auf den Hakenköder. Die drei Kugeln sind bei mir ein symbolischer Akt fürs Vertrauen. Vermutlich hätte ich sie mir auch sparen können. Aber was soll’s: der Plan ging auf. Diesmal hatte ich einfach Glück statt Unglück.

Vom Fisch ersten Fisch der Saison kann ich eine Weile zehren und der nächsten Pechsträhne gelassen entgegen sehen.

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