Stimmen im Wind

Jedes Frühjahr das gleiche Spiel. Die Karpfenangler-Meute sucht nach neuen Herausforderungen. Es geht um die Frage: Wo soll man in diesem Jahr angeln? Möglichst große Karpfen müssen dort schwimmen, logo. Davon wird die Entscheidung für ein neues Gewässer abhängig gemacht – nicht selten einzig inspiriert von Gerüchten.

Erst letzte Woche stand ein solcher Spezi hinter meinem Zelt. Er war neu im Verein, kam von weit her und hatte von großen Fischen gehört. Natürlich gebe es hier Karpfen über 20 Kilogramm, ließ er mich wissen. Sogar ein 26-Kilo-Fisch sei letztes Jahr gefangen worden. Ach ja? Wann? Von wem?Angeblich ein dicker Spiegler, meinte er.
Immer dieselben Geschichten. Und die haben, wie so oft, wenig mit der Wahrheit zu tun. Stimmen im Wind sozusagen.

Tatsächlich schwimmen in dem kleinen Tümpel fast nur die für Holland typischen, schlanken Schuppenkarpfen. Leider mit wenig Wachstumspotential. Schon ein Dreißiger ist hier ein Ausnahmefisch. Ein Spiegler mit 26 Kilo? Das wüsste ich.

Mir geht es an diesem See gar nicht um den Fang großer Fische. Doch aufgrund des dichten Bestandes kann ich immerhin ein paar Fische erwarten. Auch wenn diese etwas kleiner ausfallen. Und vor allem: mit wenig Zeitaufwand. Denn unter der Woche habe ich wenig Zeit, meist reicht es nur für ein paar Stunden. Dafür rund 80 Kilometer an das sonst von mir befischte Gewässer fahren? Nein, dieser Aufwand würde sich nicht lohnen.

Doch meine Ausführungen überzeugten den Besucher nicht. Im Gegenteil. Er fühlte sich bestätigt – durch meine bloße Anwesenheit. Schließlich, so spekulierte er unverblümt, würde ich doch nicht an einem Gewässer angeln, in dem nur kleine Karpfen schwimmen.
Aber warum nicht?
Er vertraute den Gerüchten, nicht mir. Der Mensch glaubt eben gerne an das, was er glauben will.
Er schlürfte den von mir aufgebrühten Kaffee und verabschiedete sich mit einem erwartungsvollen: „Bis demnächst...“
Kein Problem.

Der Neue war gerade außer Sichtweite, als mein Bissanzeiger zum Leben erwachte. Der gehakte Fisch legte eine beeindruckende, erste Flucht hin. „Bestimmt der 26-Kilo-Spiegler“, murmelte ich. Dann ein wenig hin und her. Schließlich konnte ich ihn keschern.
Ein Schuppi. Klar, was sonst? Mit etwa 13 Kilo kein Riese. Ich freute mich trotzdem, denn so früh im Jahr zählt jeder Fisch. Und das ist definitiv schon einer der besseren Schuppis.

Natürlich suche ich für den Rest des Jahres andere Herausforderungen. Trotzdem werde ich an diesen See zurück kehren. Ich will schließlich wissen, ob der Neue den 26-Kilo-Spiegler gefangen hat.

Kay Synwoldt

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