STILLE AUF ZEIT

Mitte September, noch immer erreicht das Thermometer bis zu 30 Grad. Bis einschließlich letzte Woche gab es Sonne satt und man hatte das Gefühl, der Sommer wolle gar nicht enden. Ich gehöre nicht zu denjenigen Zeitgenossen, die sich ständig übers Wetter beschweren. Ganz im Gegenteil: Ich genieße jeden warmen Tag draußen und kann gar nicht genug Zeit in der Sonne verbringen.

Woran ich mich allerdings langsam satt gesehen habe, sind die Begleiterscheinungen des Sommers. Meine eigentlich so stillen Rückzugsgebiete teile ich nun schon seit Monaten mit Anderen. Wo ich sonst einsam am Wasser Abstand zum Alltag gewinnen konnte, werde ich in der warmen Jahreszeit von genau jenen Menschen besucht, denen ich eigentlich entfliehen wollte.

Auf Kanus, Schlauchbooten, Luftmatratzen und allem was sonst noch schwimmen kann, erkunden sie die Gewässer. Manchmal habe ich den Eindruck, ein einsamer Angler am Ufer zieht die Besucher geradezu magisch an. Vielleicht von einer gewissen Sensationslust getrieben, suchen Viele die unmittelbare Nähe meines Angelplatzes. Doch all das Jammern hilft nicht weiter, ich befische schließlich öffentliche Gewässer. Ein Exklusivrecht auf Natur und Erholung steht mir nicht zu.

Ich muss mich also mit der Situation arrangieren. Angeln gehe ich deshalb vorrangig in den frühen Morgenstunden. Nur mit dem Nötigsten im Gepäck, beginnt mein Ansitz kurz vor Sonnenaufgang. Einen Eimer gesoakter 15mm-Boilies habe ich immer einsatzbereit im Kofferraum. So bleiben mir bei guter Vorbereitung immerhin fünf bis sechs Stunden effektive Angelzeit, wo ich meine Ruhe habe. Die Köder kommen morgens gegen 6:00 Uhr ins Wasser. Schnell noch ein paar Kellen Boilies hinterher und dann genieße ich die Stille und hoffe auf einen Biss bis zur Mittagszeit. Wenn danach die Freizeitpiraten anrücken, verlasse ich meinen Platz schon wieder.

Auch die Karpfen haben scheinbar ihre Gewohnheiten dem Treiben am Wasser angepasst. Sie suchen meinen Spot regelmäßig in den frühen Morgenstunden auf. Kaum kreuzen die ersten Boote auf, bleiben Bisse und Bewegungen an der Wasseroberfläche aus. Die Karpfen und ich – wir sind uns also einig. Beide Seiten nutzen die kurze Zeit der Ruhe so gut es geht. Für mich springt dabei regelmäßig ein perfekter Start in den Tag mit einem Foto in der Morgensonne heraus. Ich bin damit zufrieden und dennoch voller Vorfreude auf einen einsamen Herbst am Wasser. Und der rückt nun bereits mit großen Schritten näher.

Patrick Reuter

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