NOVEMBERBLUES

Der schlimmste Monat im Jahr? Für mich ist das eindeutig der November. Ein richtiger Depri-Monat ist das. Nicht unbedingt angeltechnisch betrachtet. Im November stehen unsere Erfolgsaussichten eindeutig besser als in den verbleibenden Wintermonaten. Mehr noch: Am passenden Gewässer ist jetzt manchmal noch ein Dicker dabei.

Dennoch: Wirklich Spaß macht das Angeln jetzt nicht. Die ewige Dunkelheit der ewige Regen und die Feuchtigkeit machen mir besonders zu schaffen. Immer alles nass. Aufbauen, abbauen, angeln fotografieren – oft genug alles im Regen. Ich brauche das Sonnenlicht. Und das nicht nur, damit mein Brolly wenigstens zwischendurch einmal trocken wird.

Kein Monat ist so trüb wie der November. Hier am Niederrhein bleiben die echten Sonnenstunden oft einstellig. Im ganzen Monat zusammengezählt wohlgemerkt. Das knabbert an meiner Moral – Chancen auf Dickfisch hin oder her. Mit fällt es nun besonders schwer, mich aufzuraffen und angeln zu gehen.

Denn die Aussichten werden nicht besser. Im Gegenteil: Die Sonnenwende am 21. Dezember scheint noch eine Ewigkeit weit entfernt. Bis dahin werden die Tage nur noch kürzer, an manchen Tagen wird es nicht einmal mehr richtig hell. Das hat für mich immer etwas von Untergangsstimmung. Ob ich im laufenden Jahr noch einen Fisch fangen werde? Das steht in den Sternen.

Wenngleich die Chancen darauf im Januar oder Februar bestimmt noch schlechter stehen, klingt das doch ganz anders, wenn man im neuen Jahr auf der Jagd nach dem ersten Fisch des Jahres ist. Das ist für mich mit Zuversicht verbunden, nicht mit Niedergang. Jetzt steht uns das Schlimmste erst noch bevor. Richtig kalt war es ja noch gar nicht.

Im November sind meine Akkus leer, dann bin ich am Boden. Zudem steckt mir die zermürbende Angelsaison an meinem großen Kiesloch in den Knochen. Das Desaster gilt es erst einmal zu verdauen.

Auch sonst gibt es wenig Anlass für Aufmunterung. Egal ob auf der Straße, im Job oder zuhause – überall herrscht schlechte Stimmung. Das ist ansteckend. Alle haben jetzt schon das laufende Jahr abgehakt, fiebern bestenfalls dem Neuanfang, der Aufbruchstimmung im neuen Jahr entgegen. Entscheidungen treffen, Neues anfangen? Da zieht kaum jemand mit. Nicht mehr in diesem Jahr.

Die Mitmenschen sind gereizt, jeder scheint besonders gestresst. Denn zur Lethargie kommt eine Art Torschlusspanik. Unmengen alter Baustellen wollen noch bis Jahresende abgeschlossen werden.

Bei uns Karpfenanglern ist das der erwähnte Dickfisch. Der muss noch raus. Unbedingt! Sonst sind wir nicht zufrieden. Wieder neuer Stress. Schließlich bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Jede Session kann die letzte sein.

Und dann kommt noch Weihnachten. Furchtbar. Da scheint unser ganzes Land regelrecht still zu stehen. Alle haben plötzlich nur noch Tritratrullala im Kopf. Nichts geht mehr, niemand kann einen klaren Gedanken fassen. Außer bei der immer gleichen Frage: Weiße Weihnacht oder keine weiße Weihnacht?

Was für ein Schwachsinn! Als gäbe es nichts Wichtigeres. Und ist das nicht egal? Denn ob Schnee fällt oder nicht, haben wir nicht in der Hand. Und wenn doch, gäbe es bei mir selbstverständlich keine weiße Weihnacht. Lieber SW-Wind und 10 Grad mild.

Aber den Kopf in den Sand stecken, die Brocken hinwerfen? Den Gefallen tue ich meinen Hatern nicht.

Augen zu und durch, heißt es stattdessen. Beim Angeln werde ich wohl wieder durchmachen. So wie viele Jahre zuvor. Allerdings ohne Druck, ohne Jagd nach dem einen Dickfisch. Mir reicht es schon, wenn ich am Wasser halbwegs meine Ruhe habe. Dann ist der Novemberblues schnell vergessen.

Kay Synwoldt

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