Neues Spiel neues Glück

Es ist Donnerstag, ich habe pünktlich Feierabend.

Kurz nach 16:00 Uhr biege in den matschigen Feldweg zum Baggersee ab. Ich fahre mich beinahe fest, so aufgeweicht ist der Boden vom vielen Niederschlag. Wenig später stelle ich den Motor meines Kombis ab. In der bereits einsetzenden Dämmerung erkenne ich dicke Schneeflocken, die auf meine Windschutzscheibe fallen. Der erste Schnee für uns in meiner Heimat, dem unteren Niederrhein. Auch wenn November und Dezember bisher vergleichsweise mild waren, kann man es nicht leugnen: der Winter ist angekommen. Ich ziehe Reckenjacke und Stiefel an und mache mich auf den weiten Marsch zur anderen Seeseite. Dort ist meine Angelstelle.

Ich habe nur einen kleinen Beutel mit Boilies in der Jackentasche. Nur 500 Gramm, exakt abgewogen auf meiner kleinen Küchenwaage. Ich will es nicht übertreiben mit dem Füttern, denn am kommenden Samstag will ich einen Tagesansitz wagen. Ich muss meine Kapuze festhalten – so stark ist der Wind und so dicht das Schneetreiben. Ich habe Zweifel, ob ich überhaupt etwas füttern soll. Doch ich will an meiner Taktik, jede Woche mindestens zweimal etwas zu füttern, weiter festhalten. So will ich die Fische bei Laune halten. Die Stelle hat mir in der letzten Zeit einige Fische beschert, da gilt es, den Anschluss nicht zu verlieren. Dennoch füttere ich angesichts des Kälteeinbruchs nur etwa die Hälfte meiner mitgebrachten Boilies.

Am Samstag bin ich gegen 7:30 Uhr zurück. Es ist noch dunkel und es regnet. Meine Ausrüstung für die geplante Kurzsession beschränkt sich auf das Allernötigste, denn der Fußmarsch ist lang. Ich bin trotzdem motiviert und habe mich nach einer anstrengenden Arbeitswoche auf diese eine Sitzung für ein paar Stunden so gefreut. Raaaaatz – beim Übersteigen eines Weidenzauns höre ich ein bekanntes Geräusch. Nicht schon wieder! Tatsächlich habe ich mir am Stacheldraht einen weiteren Winkelhaken in meine teure Fjäll-Räven-Hose gerissen.

Egal, ich will Karpfen fangen und nicht an einer Modenschau teilnehmen!

Meine beiden Ruten sind im Rekordtempo mit PVA-Stringern bestückt und landen exakt in der eingeclippten Entfernung. Die Schnur lasse ich nur ganz leicht durchhängen, die Spitzen der Ruten zeigen leicht nach oben, die Bremsen der Daiwas bleiben geschlossen. Denn die Rigs liegen nicht allzu weit von den nächsten Hindernissen entfernt. Da gibt es keinen Meter Schnur, basta! Ich bleibe direkt hinter den Ruten sitzen. Wie immer ist es ein schönes Gefühl, wenn alles liegt und der Duft von heißem Kaffee in der Luft liegt. Ich lehne mich in meinen Stuhl zurück und fange an zu entspannen. Aber nicht lange, denn exakt 20 Blesshühner mit vier Reiherenten im Schlepptau machen sich zielgerichtet auf den Weg zu meiner Stelle. Prompt tauchen sie – spot on! Dieses Problem hatte ich hier bislang noch nicht. Vielleicht habe ich am Donnerstag mit meiner Futtermenge doch zu hoch gepokert?

Aber nach etwa zehn Minuten ist der Spuk schon wieder vorbei, die schwarze Bande zieht weiter. Die Vögel haben nur wenige Köder hoch getaucht. Ungefähr die Anzahl, die ich kurz zuvor gefüttert habe. Für jede Rute exakt acht Stück. Ist wenig, ich weiß. Aber ich will fangen, nicht satt füttern. Und dieses Fangen muss in den paar Stunden angeln funktionieren. Andernfalls wäre ich eine Woche weiter, denn meine Zeit zum Angeln begrenzt sich zurzeit auf nur einen kurzen Tagesansitz von etwa sechs Stunden pro Woche. Nicht viel, da muss gerade im Winter alles zusammen passen!

Deshalb füttere ich auch nicht nach, lassen alles unverändert liegen.

Der Wind frischt aus westlicher Richtung auf, ich ziehe die Jacke komplett zu und bleibe wie versteinert sitzen. Gerade beim Winterangeln ist absolute Ruhe oberstes Gebot. Mein Blick weicht kaum von den hoch ausgerichteten Rutenspitzen. Dennoch nicke kurzzeitig im Stuhl ein. Plötzlich: Piep, piep... Als wenn es ein Traum wäre, bekomme ich einen kräftigen Schlag in der rechten Rute.

Das kann doch nicht wahr sein?
Ist es doch!

Ich nehme sofort Kontakt auf. Der Fisch ist träge und bleibt tief. Ich habe Angst ihn zu verlieren und drille sehr vorsichtig. Jetzt zählt jeder Fisch.

Nach etwa 15 Minuten Bangen gleitet ein winterlicher Mittdreißiger in die Maschen. Ich bin perplex, aber am Wasser scheint wirklich alles möglich! Man muss nur dran glauben. Und man muss angeln gehen! Ich werde jedenfalls meine anfängliche Futtertaktik leicht verändern und noch weniger füttern. Und schon nächstes Wochenende komme ich für ein paar Stunden wieder.

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