Karpfenangeln ist einfach

…behaupten Nicht-Karpfenangler gerne. Einfach? Einfach in Relation zu was? Um etwas als einfach (oder schwer) zu empfinden, muss man es in Relation setzen. In Relation zum Forellenfischen? Wenn wir es uns mit Fliegenrute und Trockenfliege an einem dünn besetzten Gebirgsbach extra schwer machen, mag sein, dass Karpfenangeln einfach(er) ist.

Aber was ist mit einem leckeren Wurm? Den nimmt die Forelle gerne, nicht nur im Forellen-Puff.

Wir Karpfenangler haben unsere Boilies. Doch die vermeintlichen Wunderkugeln alleine bringen bekanntlich noch keinen Karpfen ins Netz. Es genügt auch nicht, eine 500-Euro-High-Modul-Karbon-Rute samt Big-pit-Superrolle zu kaufen. Oder sich mittels Fachzeitschriften und Internet ausgiebig zu informieren. Selbst mit all dem hippen Tackle und den vielen Video-Tutorials über Rigs, Taktiken und Spot-Wahl müssen wir den argwöhnischen Karpfen immer noch selber fangen.

Karpfenangeln, glauben altgediente Angelveteranen, sei einfach, weil wir uns die Fische „erschlafen“ könnten. Aber auch diese Herrschaften würden nicht 24 Stunden im Klappstuhl ausharren, bis endlich der erste Biss erfolgt. Manchmal dauert´s noch länger.

Das war früher anders. Ich behaupte: In Relation zu meinen Pionierjahren, den wilden Achtzigern, ist zwar vieles drumherum einfacher geworden. Informationsbeschaffung und die Beschaffung von Ködern und Tackle geht heute viel bequemer. Das Karpfenangeln selbst ist nicht einfacher, sondern immer schwieriger geworden. Und aufwändiger.

Wo sind die Gewässer, an denen ich einst binnen weniger Stunden vier oder fünf Karpfen fing, ganz simpel, mit Brotflocke, ohne Vorfüttern und ohne einen Trolley voller Tackle?

Nein, einen Tag vorher schnell 500 Gramm Futter ins Wasser zu werfen reicht nicht. Selbst an vergleichsweise dicht besetzten Vereinstümpeln geht heute ohne entsprechende Vorbereitung wenig. Da muss man langfristig agieren und darf froh sein, wenn man alle zwei, drei Ansitze zumindest einen Fisch fängt.

Woran liegt´s, dass das Karpfen-Fangen immer schwieriger wird?

Oder bleibt am Ende alles nur ein subjektiver Eindruck?

Nein, ich denke nicht. Der Weg zum Karpfen ist tatsächlich steiniger geworden. Zum einen liegt es an uns selbst. Durch Fangen und Zurücksetzen konditionieren wir die Karpfen negativ, weil die Fische mit jedem Fang noch vorsichtiger werden.

Einige Exemplare werden zwar nach wie vor zwei oder drei Mal im Jahr gefangen. Nur verteilen sich die Fänge auf deutlich mehr Angler, dadurch sinken die Chancen für jeden einzelnen Angler. Eine einfache Rechnung.

Allgemein ist der Angeldruck höher geworden. War ich früher als Karpfenangler noch eher ein verrückter Sonderling, ist unser Hobby längst in die Hipster-Liga aufgestiegen.

Was die Ausgangslage weiter erschwert: In unseren Gewässern gibt es heute zwar größere, jedoch deutlich weniger Karpfen. Öffentliche Gewässer werden kaum mehr mit Karpfen besetzt, viele Vereinsgewässer nur noch sporadisch.

Gleichzeitig hat sich die Produktivität der Gewässer verbessert. Ehemals kahle Baggerseen sind mittlerweile verkrautet, dadurch bieten sie mehr natürliche Nahrung. Womöglich ein Grund, warum es selbst an kaum beangelten Gewässern schwieriger wird, Karpfen zu fangen.

An stark beangelten Gewässern spielt dann nicht zuletzt der zusätzliche Futtereintrag durch Angler eine Rolle. Ist Futter im Überfluss vorhanden, werden die Karpfen automatisch beißfauler.

Es mag noch weitere Einflussfaktoren geben. Gut so. Denn wäre Karpfenangeln wirklich so einfach, wie gerne behauptet wird, würde mir vielleicht irgendwann die Herausforderung fehlen.

Kay Synwoldt

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