Ich kann nicht angeln

Ich kann nicht angeln!


K
ann man (Karpfen-)Angeln lernen?
Für unseren Gesetzgeber scheint die Antwort klar: Ja, man kann. Warum sonst gibt es in Deutschland die Fischereiprüfung, für die man lernen muss, bevor man die staatliche Angelerlaubnis erhält? Die Ausbildung umfasst sogar ein paar praktische Übungen. Man lernt das (Aus-)Werfen. Und das Knoten-Binden.

Aber lernt man auch angeln?

Wofür muss man heute noch werfen können? Es gibt schließlich (Futter-)Boote, mit deren Hilfe die Montage ohnehin viel genauer abgelegt werden kann. Und viele Karpfen werden auf vorgebundene Rigs gefangen. Fix und fertig aus der Verpackung in den Wirbel eingehängt, fertig. Kompliziertes Knoten-Binden ist da überflüssig.

Ohnehin stellt sich die Frage: Macht uns die Fähigkeit weit und zielgenau zu werfen zu besseren Anglern? Oder das Binden komplizierter Rigs? Es gibt sicherlich gute Angler und es gibt schlechte Angler. Da sind wir uns vermutlich einig. Stichwort Erfahrung. Ein hohes Gut, das nicht auf der Straße liegt und das man sich über Jahre hinweg aneignen muss.

Ich fische nun über drei Jahrzehnte auf Karpfen. Wenn die Erfahrung mit der Anzahl der Jahre zunimmt, müsste ich heute also angeln können. Je länger ich mich jedoch mit dem Angeln auseinandersetze, umso mehr keimt in mir ein Verdacht auf: Ich konnte noch nie angeln, kann es bis heute nicht und werde es nie können.

Selbst wenn ich in der Vergangenheit nach dem Fang einiger Fische glaubte, ein Gewässer verstanden zu haben, erlebte ich prompt meinen nächsten Rückschlag. Die ganze Erfahrung: womöglich total überbewertet? Denn alle Welt scheint besser zu fangen als ich. Angesichts der sich überschlagenden Rekorde und Superlativen, die in der Redaktion unablässig auf mich ein prasseln, vielleicht ein subjektiver Eindruck. Da kann ich in diesem Jahr mit meiner aktuellen Blank-Serie von mittlerweile 15 Nächten in Folge ohne Fisch nicht mithalten.

Kann ich deshalb nicht angeln?
Oder schließe ich vom Symptom auf die falsche Ursache? Bleibt jeder (Fang-)Erfolg am Ende reine Glücksache? Ein Köder zur richtigen Zeit am richtigen Ort, der Rest ist reine Makulatur?

Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen.

Viele dicke Fische bleiben ein Indiz für harten Einsatz des Anglers und für ein Gewässer, das über den entsprechenden Fischbestand verfügt. Ein dünn besetzter Baggersee bietet da eher schlechte Voraussetzungen für große Fangserien. Außerdem gilt der bekannte Zusammenhang: Zeit ist Fisch.

Auch da habe ich mit meinem 60-Stunden-Job schlechte Karten, um mit den großen Könnern das Wasser zu reichen. Jeder Vergleich mit den Fängen anderer Angler, die womöglich unter gänzlich anderen Bedingungen fischen, hinkt. Kein Grund zu übertriebenen Selbstzweifeln also.

Bei unserem Hobby geht es nicht um den ständigen Vergleich mit anderen. Oder um die Frage, ob wir angeln (lernen) können oder nicht. Beim Angeln geht es um den Spaß an der Sache.
Im Gegensatz zu Super-Anglern, die glauben, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen, hat eine gesunde Portion Selbstkritik sogar einen entscheidenden Vorteil: Man bleibt offen für Neues und ist bereit, neue Wege zu gehen.

Denn wie in anderen Lebensbereichen bleibt auch beim Angeln vor allem die Erkenntnis: Wir lernen niemals aus.

Kay Synwoldt

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