HARTE HUNDE

Karpfenangeln im Winter? Das ist nur etwas für richtig harte Hunde. Das zumindest behaupten die Karpfenangler gerne, die in der kalten Jahreszeit angeln.Tatsächlich ist die Karpfenpirsch im Winter kein Zuckerschlecken. Neben Feuchtigkeit, Kälte und den vielen Blanks, die auch an meiner Moral knabbern, macht mir das fehlende Sonnenlicht zu schaffen.

Aber was jammere ich? Früher war keineswegs alles besser. Da bin ich trotz Frost die ganze Nacht am Twente-Kanal gesessen – im einfachen „Karpfen-Stuhl“ unterm offenen Schirm. Beide Ruten stets griffbereit. Boilies an der Selbsthak-Montage waren anno 1981 noch nicht im Einsatz. Köder war ein Teig-Klumpen, der um einen Haken der Größe 2 (!) geknetet war. Oder eine Kartoffel.
Damit mussten Bisse noch angeschlagen werden.
Viel Zeit blieb dafür nicht. Sonst hatten die Karpfen den Braten gerochen. Oder die Rute, die mit nahezu geschlossener Rollenbremse gefischt wurde, wäre bei einem stürmischen Anbiss wie ein Pfeil Richtung Wasser geschossen. Bedeutete: Die Ruten waren immer in Reichweite. Nicht selten saß ich im Carpchair (anfangs ein einfacher Campingstuhl) neben den Stöcken – die ganze Nacht wohlgemerkt.

Ein dicker Bundeswehr-Parka, lange Unterhose, Wollsocken und ein gebrauchter Bundeswehr-Schlafsack um die Beine gewickelt – so sah mein notdürftiger Kälteschutz aus. Einzige Wärmequelle: eine Thermoskanne mit heißem Tee. Aber die war nach spätestens drei Stunden entweder leer oder ihr Inhalt alles andere als heiß.

DAS war wirklich etwas für harte Hunde.

Heute sind wir bequemer geworden. Auch ich freue mich über ein wenig Gemütlichkeit beim Angeln. Über meine Gas-Heizung zum Beispiel. Die ist im Winter Pflicht. Über ein vernünftiges Zelt inklusive Boden – ebenfalls kein Vergleich zu meinem klapprigen Nubrolly-Schirm Anfang der Achtziger. Kaffee oder Tee werden heute auf dem Benzin-Kocher frisch gekocht.

Es hat sich also vieles zum Positiven gewandelt.

Trotzdem gibt es immer etwas zu meckern. Die ganze Schlepperei zum Beispiel. Die hatte ich früher nicht. Doch egal ob Dunkelheit, Kälte, Schlepperei oder ausbleibende Fänge – wie „hart“ das Angeln empfunden wird, kommt immer auf den Standpunkt an. Was der Gelegenheitsangler als hart empfindet, kann dem Großfischjäger normal erscheinen. Und weniger harte Hunde bleiben im Winter gleich ganz zuhause.
Weicheier?

Nicht unbedingt. Denn selbst eine (Zwangs-)Pause kann, subjektiv betrachtet, eine harte Prüfung sein. Weil wir unseren Drang zum Wasser bei Eis und Schnee nicht befriedigen können.

Sowieso: Hat es nicht jeder selbst am schwersten?

Ach ja, die Moral-Apostel hätte ich fast vergessen. Die kommen nämlich immer aus der Deckung, wenn es ums Winterangeln geht. Sie halten das Angeln im Winter für verwerflich. Da die Karpfen im Winter ohnehin geschwächt sind, sollten wir sie nicht beangeln, um sie nicht noch weiter zu stressen. Ganz von der Hand zu weisen ist dieses Argument nicht. Tatsächlich verheilen mögliche Verletzungen bei den Fischen im Winter viel langsamer, als bei wärmerem Wasser. Andererseits ist die Gefahr einer Infektion bei kaltem Wasser viel geringer.

Ich sage: Ein Fisch in schlechter Allgemein-Verfassung lässt sich erst gar nicht fangen.

Und sowieso: Was ist mit Rotauge, Brassen & Co?
Müssen die Feederangler im Winter nun auch ihr Angeln einstellen?
Oder die Hechtangler?
Wenn wir jetzt schon damit anfangen – müssten wir dann nicht gleich unser ganzes Hobby in Frage stellen?

Mein Verdacht ist eher, dass hier aus der Not eine Tugend gemacht wird. Weil man selber zu bequem ist oder man keine geeigneten Gewässer zur Verfügung hat, wird versucht, anderen Zeitgenossen das Winterangeln madig zu machen. Möglicherweise sogar von denselben Anglern, die mir im Sommer vorwerfen, dass ich für den Wasserhaushalt schlechtes Futter hinein werfe, bevor ich meine Fische fange.

So ist das eben beim Angeln und übrigens auch im Leben allgemein: Nur wer etwas investiert oder entsprechenden Einsatz zeigt, kann auch etwas erwarten.

Aber ich will mich gar nicht streiten. Denn egal ob wir nun zu den Hardcore-Winteranglern gehören, zu den Moral-Aposteln zählen oder eher der Typ Couch-Potato sind – harte Hunde sind wir doch alle.

Irgendwie.

 

Kay Synwoldt

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