Freiheit in der Nussschale

Marx Vorstellung einer freien Gesellschaft – "Morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden" – beschreibt die Seele eines selbst bestimmten Lebens treffend.

Wären da nicht Erwerbsarbeit, Studium und andere Verpflichtungen im Alltag, würde dem Traum meines Anglerdaseins nichts im Wege stehen. Umso mehr gilt es, die kurzen Momente am Wasser voll zu genießen. Beim Fischen will ich möglichst wenig Filter zwischen mir und der Natur haben. Auf Smartphone oder Tablet kann ich getrost verzichten.

Dank sommerlicher Temperaturen kann ich endlich weg von der Bus-Angelei am Kanal und mich der Havel vom Boot aus zuwenden.

Da sich mein Angelplatz nun auf ein Schlauchboot von 3,30 Meter Länge beschränkt, muss ich mich von unnötigem Schnickschnack trennen. Nach anfänglichem Zweifel, ob die wenigen Sachen in den zwei wasserdichten Plaste-Boxen wirklich ausreichend sind, merkte ich wie überflüssig viele Dinge waren.

Wenn man sich nur kurz am Wasser aufhält, braucht es nicht viel Tackle. Wozu alles doppelt und dreifach einpacken? Die unnötige Sicherheit, auf alles vorbereitet zu sein, ließ meine Freiheit in der Vergangenheit schrumpfen.

Der neu gewonnene Purismus auf meiner kleinen Nussschale lässt in mir nicht nur das Gefühl der Freiheit aufkommen, sondern verschafft mir auch mehr Zeit. Zum Ab- und Aufbauen sind weniger als zehn Minuten nötig. Anker lichten, Montagen einkurbeln, Banksticks verstauen und ich kann verschwinden. Auch auf ein Zelt kann ich verzichten – wenn Petrus es gut mit mir meint. Was gibt es Schöneres, als nachts vom sanften Wellenschaukeln aufzuwachen und einen direkten Sternenblick zu erhaschen, bevor man weiterschläft?

Mit dem Boot bleibt mein Angeln nicht mehr auf abgetrampelte Angelstellen beschränkt. Ich begebe mich auf neue Wege, betrachtet die Angelei aus neuer Perspektive.

Unvergesslich bleibt für mich die erlebte, klare Sternennacht im (Voll-)Mondschein. In einer Schneise zwischen Schilfgürtel und Seerosenfeld streichelten Wellen sanft mein Boot. Es war eine meiner ersten Nächte auf der Nussschale. An Schlaf war nicht zu denken. Immer wieder weckten mich Mond und Wellenbewegung. Auch die Karpfen schienen aktiv zu sein. Ich vernahm nur unweit von meinem Spot entfernt im Halbschlaf das dumpfe Klatschen eines massiven Fisches auf der Wasseroberfläche.

Mein Blick schweifte gen aufgehende Sonne, ich wollte einen Blick auf die durch den Fisch verursachte Wellenbewegung des Fisches erhaschen, als just in diesem Moment eine meiner Ruten ablief. Der Biss riss mich endgültig aus meiner Traumwelt. Noch etwas benebelt stand ich im nächsten Moment mit krummer Rute im Wasser und zog wenig später einen alten Havel-Recken über den Kescher. Nach einem kurzen Fotoshooting schlürfte ich noch wie gewohnt meinen morgendlichen Espresso, ließ mir die Sonne ins Gesicht strahlen und die Erlebnisse der vergangenen Stunden Revue passieren.

Die (unbegrenzten) Wassermassen der Havel und die Bootsangelei sind für mich seitdem zum Inbegriff der Freiheit geworden. Durch die Momente auf den Weiten des Wassers kann ich die Zwänge des (Alltags-)Lebens über Bord werfen und mir selbst und der Natur ein Stück näher kommen.

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