forgotten chapters: FIRST BLOOD

Kanalangeln – Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger war das die große Leidenschaft von Kay Synwoldt. Die Weichen dafür wurden schon ein paar Jahre früher gestellt. In Teil zwei unserer „forgotten chapters“ berichtet unser Chefredakteur über seinen allerersten Kanalkarpfen – gefangen in einem kleinen Stichkanal bei Kleve am Niederrhein.

Schon damals, Anfang der Achtziger, hatte ich es als Angler nicht leicht. Durch meine Spezialisierung auf das Karpfenangeln avancierte ich im Angelverein schnell vom anfangs belächelten Sonderling zum Staatsfeind Nummer eins. Denn ich fing gut, viel besser als die meisten anderen Angler. Und das im zarten Alter von siebzehn!
Das konnte nicht sein, nein das durfte nicht sein. Hinter meinen Erfolgen konnte nur etwas Illegales stecken. So jedenfalls die Überzeugung der meisten Angelkameraden.
Das einzig „Illegale“, was ich am Ende tat war allerdings, dass ich nicht länger meine Angel auswarf getreu dem Motto: Mal schauen was beißt. Stattdessen machte ich mir Gedanken wo ich fischte, wie ich fischte und womit. Zudem investierte ich vor dem Angeln Zeit und Geld in etwas Futter.
Eine Lektion, die ich schon damals begriff und die heute mehr denn je Gültigkeit hat: Wer fängt, macht sich verdächtig. Wer fängt steht unter Beobachtung, sieht sich im Wiederholungsfall Anfeindungen und übler Nachrede ausgesetzt.
Für mich war es deshalb Zeit für Veränderungen. Ich wollte raus, ich wollte abtauchen, neue Gewässer entdecken, neue Herausforderungen annehmen. Ich wollte keine Diskussionen und Belehrungen am Vereinsteich.

Eine neue Herausforderung
Eine Option: Ein kleiner Stichkanal, der meine damalige Heimat, die Niederrhein-Metropole Kleve, über den angeschlossenen Altrhein mit dem Rhein und darüber mit der großen Welt verbindet. Dieser Kanal ist bis heute ein städtisches Gewässer und wurde damals stiefmütterlich beangelt. Nur selten ein paar Stipp- oder Aalangler. Laut Vereinskameraden angeblich ebenfalls merkwürdige Sonderlinge. Karpfenangler? Nicht dass ich wüsste.
Für mich damals ein echtes Wagnis, denn mit drei oder vier Kilometern Länge hatte dieses Gewässer eine ganz andere Dimension als die bis dato von mir befischten Vereinstümpel. Ob dort überhaupt Karpfen schwimmen? Ich konnte es nur vermuten, ich konnte es hoffen.
Bei meinen Vorabrecherchen bekam ich jedoch keine glaubwürdige Fangmeldung eines Karpfens zusammen. Wirklich nicht eine einzige! Ich bekam lediglich die üblichen Anekdoten zu hören, die mir die Sonderlinge, ähhh Stippangler am Kanal erzählten: „Da war nix zu halten, ruckzuck war die Schnur gesprengt!“
Aber werden diese Geschichten nicht an jedem Gewässer erzählt?
Darauf wollte ich mich nicht verlassen und lief die Kanalufer ab – immer und immer wieder. Einen Karpfen sehen konnte ich nicht. Was logischerweise mein Vertrauen nicht steigerte. Trotzdem ließ ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen. Ich wollte unbedingt einen Kanalkarpfen fangen und mir und der Welt beweisen, dass es in diesem kleinen unscheinbaren Kanal tatsächlich Karpfen gibt.

Immer in die Fresse
Einen ersten Anlaufpunkt für meine Kampagne hatte ich schnell gefunden: der Bereich vor der Schleuse, die den kleinen Kanal vom dahinter liegenden Altrhein trennt. Hier gab es Anleger im Wasser und einen kleinen See mit offener Verbindung zum Kanal. Dieser Teich war mit Seerosen übersät. Wenn es irgendwo Karpfen gibt, dann hier. Da war ich mir sicher.
Ich mache es kurz: Mein Angeln vor der Schleuse geriet zum Desaster. Nach zehn Nächten ohne Fisch strich ich frustriert die Segel. Das nagte am Selbstvertrauen.
Dementsprechend dauerte es einige Wochen, bis ich mich von meiner Niederlage erholt hatte. Mein nächster Anlaufpunkt: eine Wendebecken.
Leider folgte hier mein nächster Rückschlag, wieder einige Nächte ohne Fisch. Trotzdem wollte ich mich nicht geschlagen geben. Jetzt erst recht!
Eine neue Stelle, eine kleine Ausbuchtung im normalen Kanalverlauf, sollte endlich meinen ersten Kanal-Fisch bringen. In der kleinen Ausbuchtung war das monotone Spundwandufer unterbrochen, als Uferbefestigung dienten in den Boden gerammte Holzpflöcke. Der Kanal war hier etwas flacher, es gab harten Boden, ein paar Steine und eine kleine Krautbank. Ein Hotspot wie aus dem Lehrbuch. Dachte ich.
Dieses Mal wollte ich nichts dem Zufall überlassen und fütterte sicherheitshalber zwei Wochen lang regelmäßig mit gekochtem Mais vor.

Eine denkwürdige Nacht
Ehrlich gesagt rechnete ich nach meinen vorausgegangenen Rückschlägen nicht wirklich mit einem Erfolg, als ich in der kleinen Bucht meine Maisköder zum ersten Mal ins Wasser brachte. Aber wie heißt es so schön: unverhofft kommt oft.
Es sollte eine denkwürdige Nacht werden.
Der erste Biss ließ an diesem Abend nicht lange auf sich warten. Und was für einer! Meine Rute wurde bei dem stürmischen Biss förmlich aus der Ablage gerissen. Wie ein Speer schoss mein Stecken schon in Richtung Kanalmitte. Nur mit Glück erwischte ich den Rutengriff noch rechtzeitig.
Der richtige Tanz sollte allerdings erst noch beginnen. Es folgte ein für mich bis dato unbekanntes Kräftemessen – an nur 0.25er Mono und 11ft-Ruten mit 1.75 lbs Testkurve wohlgemerkt. Es war ein ständiges Hin und Her, bei dem ich längst nicht zu jeder Zeit wie der sichere Sieger aussah.
Am Ende ging dann doch alles gut, in den Maschen landete eine fast neun Kilo Spiegler. Zur damaligen Zeit ein Gigant. Was für ein Brocken, was für ein Triumph! Ich hatte tatsächlich meinen ersten Kanalkarpfen gefangen – first blood würden die Engländer sagen.
Damit nicht genug: In derselben Nacht folgten noch drei weitere Fische. Die waren zwar deutlich kleiner, aber vermutlich war es diese eine Nacht in den Achtzigern, die meine Leidenschaft für das Kanalangeln entfacht und damit meine weitere Ausrichtung beim Karpfenangeln maßgeblich beeinflusst hat.

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