FASHION STATT PASSION

Unser Hobby wurde schon immer von Trends und Modeerscheinungen begleitet. Oft sind es die Engländer, die uns sagen, was trendy ist. Ein enger Rutenaufbau zum Beispiel. So eng, dass die Kurbel der zweiten Rolle angeklappt werden muss. Pech, wer da noch mit Rollen ohne Klapp-Kurbel fischt. Da müssen wohl neue Rollen her. Passend dazu natürlich top-moderne, extra schmale Buzzer-Bars. Sinn oder Unsinn? Ich fische oft an Angelstellen, die so klein sind, dass sie auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennbar sind. Da macht ein Platz sparender Rutenaufbau durchaus Sinn. Aber wirklich nur da.

Oft geht es bei den Trends auch um Begrifflichkeiten. So angeln wir heute nicht mehr auf Karpfen, sondern auf „Bullen“. Und ich dachte immer, Rindviecher stünden auf der Weide.
Oder wir stellen Fallen, anstatt dass wir die Ruten auslegen.

Auch die gängigen Maßeinheiten haben sich verändert. Früher waren es englische Pfund (lbs), dann „echte“ Pfund, 500 Gramm also, und heute zumeist Kilogramm, in denen das Gewicht (oder soll ich sagen: die Wertigkeit?) unserer Fische angegeben wird. Einst, wie noch in den frühen 80er Jahren, waren es sogar Zentimeter. Da ging es um die Länge eines Karpfens, weniger um sein Gewicht.

Verändert haben sich auch die Fischbilder. Anfangs war beim Fotografieren eine 50-Millimeter-Festbrennweite Standard. Zwischenzeitlich wurden die Fische mit extremen Weitwinkelobjektiven aufgeblasen. Und zusätzlich weit nach vorne gehalten, spöttisch auch „Kackstellung“ genannt. Okay, ein gewaltiger Fisch kommt damit besser zur Geltung. Trotzdem kann man solche Kameraeinstellungen auch übertreiben. Es sieht lächerlich aus, wenn man versucht, einen 20-Pfünder als Fünfziger zu verkaufen. Der Kenner durchschaut den Schwindel ohnehin sofort – weil auch die Hände groß wie Baggerschaufeln erscheinen. Zudem lässt sich über die Proportionen von Kopf, Flossen und Fischkörper die Gewichtsklasse eines Karpfens einigermaßen gut schätzen.

Weit vorne sind dann diejenigen Experten, die es schaffen, ihre Hände hinter dem Fisch so geschickt zu verbergen, dass man sie auf dem Foto nicht mehr sieht. Dafür müssen sie ihren Fang buchstäblich auf der letzten Rille in die Kamera halten. Wirklich im Griff hat man einen Fisch auf diese Art nicht. Was passiert, wenn ein Fisch in diesem Augenblick schlägt, wage ich mir nicht auszumalen.

Ein weiterer Trend: Bilder, auf denen der Fänger seine Freude mit einem Aufschrei ausdrücken möchte. Sieht für mich eher nach akutem Darmverschluss aus. Oder, als hätte man einer Katze auf den Schwanz getreten. Ich frage mich, was im Fänger in diesem Moment wohl gerade vorging. Ich finde solche Bilder befremdlich. Noch befremdlicher als das gekünstelte, wie eingemeißelt wirkende immer-gleiche Grinsen manch anderer Angler.

Modeerscheinungen mögen anfänglich erfrischend sein, irgendwann aber nutzen sie sich ab. Weshalb Fischbilder mit dem 50-Millimeter-Objektiv aktuell eine Renaissance erleben. Nichtsdestotrotz bringen wechselnde Trends Dynamik ins Spiel, sie bewahren unser Hobby vor lähmender Stagnation.

Wer freilich seine Passion gefunden hat, entwickelt einen eigenen Stil, dem er über all die Jahre treu bleibt. Und setzt damit womöglich, ungewollt, einen neuen Trend.
Sozusagen: Den Modeanglern zur Nachahmung freigegeben.

Kay Synwoldt

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