EIN SACK FLÖHE

Mir scheint, als gäbe es kaum noch Karpfenangler ohne Teamzugehörigkeit. Wir bei Carp in Focus können Neuzugänge oder Wechsel kaum so schnell vermelden, wie sich das Personal-Karussell dreht. Und wer noch kein Teamangler ist, der will es werden.
Die Beweggründe sind bei Karpfenanglern oft ganz banaler Natur: Es geht um Status, es geht um materielle Vorteile. Für ein paar Bleie oder Boilies mehr geht’s gleich zum nächsten Sponsor. T-Shirt und Kappe sind schnell gewechselt.
Den Sponsoren indes geht es um Promotion. Jeder Boilie- oder Zubehör-Lieferant unterhält dafür inzwischen ein gefühltes Heer an so genannten Teamanglern. Masse statt Klasse. Das war einmal anders.
Vor gut zehn Jahren hatte eine Team-Mitgliedschaft zumindest gefühlt noch eine höhere Wertigkeit. Weil nicht jeder mitmachen durfte. Zumindest musste er vorher brauchbare Artikel geschrieben und gute Fotos gemacht haben sowie – wichtig – langjährige Angelerfahrung mitbringen.

Heute gilt die Maxime: Je größer das Testangler-Team, desto größer die Medienpräsenz, desto bedeutsamer die Firma. Unter den Firmen scheint ein regelrechter Wettlauf entbrannt. Da scheint jeder willkommen, der nur laut genug „HIER!“ schreit.
Doch woher soll ein 20-Jähriger langjährige Angelerfahrung nehmen? Und steigt die Bedeutung einer Firma tatsächlich mit der Größe des Testangler-Teams?

Was bekommen die Firmen dafür? An ihre Marke gebundene Kunden. Dazu ein paar mehr oder weniger sinnfreie Posts auf facebook, ein Wackel-Video auf Youtube und eine große Klappe. Okay, für wenig Leistung müssen die Firmen weniger locker machen. Und die neu rekrutierten Teammitglieder haben schließlich ein paar Karpfen gefangen.

Aber haben wir das nicht alle? Können diese Angler uns deshalb gleich das Angeln erklären? Und für die jeweiligen Firmen besonders wichtig: Kann ich mich deshalb mit der jeweiligen Marke identifizieren und kaufe ich als potentieller Kunde die entsprechenden Produkte? Sicher nicht wenn der Eindruck entsteht, als würde zum Teamangler rekrutiert, was nicht schnell genug die Bivvytür zu hat. Das hat eher abschreckende Wirkung.

Außerdem: Was ist eine Team-Mitgliedschaft noch wert, wenn nahezu jeder aufgenommen wird? Kumpanei scheint bei solchen Entscheidungen längst eine größere Rolle zu spielen als Fachkompetenz. Sponsoren beklagen folgerichtig die fehlende Markenverbundenheit und die mangelnde Glaubwürdigkeit vieler Teamangler. Kein Wunder: Der Begriff „Teamangler“ wird längst inflationär verwendet und verliert nicht zuletzt deshalb zunehmend an Bedeutung. Einige Firmen haben ihre Teams oder Teammitglieder deshalb umbenannt. Sie heißen jetzt „Collective“, „Crew“, „Supporter“ oder „Botschafter“. Klingt vielversprechend. Oder zeitgemäß. Mich beeindruckt der neue Anstrich indes nicht. Denn was ändert sich, wenn das Kind nur einen anderen Namen bekommt?

Jede Firma braucht Medienpräsenz – keine Diskussion. Und das meiste Aufsehen erregt man wohl mit jungen Hipstern, die glauben sie könnten übers Wasser gehen. Aber wären aus Sicht potentiellen Kundschaft nicht glaubwürdige Repräsentanten mit mehr Substanz überzeugender?

Vielen Teamern geht es darum, bei möglichst renommierten Tackle- oder Köder-Lieferanten möglichst viel Naturalien abzugreifen. Dabei gerät das Geben und Nehmen schnell aus dem Gleichgewicht. Dazu kommen die üblichen Querelen der Teammitglieder untereinander, der Eine gönnt dem Anderen nichts. Die Fassade des Miteinanders verkommt hinter den Kulissen zum permanenten Schwanzvergleich. Und mit der Größe der Teams steigt das Risiko von Unstimmigkeiten. Ein weiteres Argument für weniger, dafür qualifiziertere Teammitglieder. Für die Firmen ein steiniger Weg, sicherlich, denn gute Leute sind schwer zu finden. Zudem sind gute Leute nicht ganz so leicht zu haben. Aber ich bin überzeugt: Überschaubare Teams und hochkarätige Repräsentanten wären für das Image vieler Firmen förderlich.

Oder doch nicht? Gibt es den überhaupt, den richtigen Weg? Zum Glück ist das nicht meine Baustelle. Das ideale Team zu finden und in die gewünschten Bahnen zu lenken – daran sind schon viele Verantwortliche verzweifelt. Ein Branchenkenner brachte es unlängst auf den Punkt: „Ein Team zu betreuen ist schwieriger als einen Sack Flöhe zu hüten.“

Kay Synwoldt

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