EIMER STATT KLAPPSTUHL

Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl für diese Kurzsession. Aber ich will raus, wenigstens für ein paar Stunden. Um sechs Uhr morgens bin ich am Wasser, baue meine spartanische Ausrüstung vor dem Eingang einer kleinen Bucht auf. Dort kräuselt der angenehme Westwind das Wasser. Ein paar Mal habe ich vorgefüttert. Jetzt wird es Zeit, die Ernte einzufahren.

Mein Platz ist kaum als Angelstelle zu erkennen. Die Ruten passen gerade so in eine kleine Lücke zwischen den Sträuchern. Auswerfen ohne Watstiefel? Keine Chance. Diesen unbequemen Platz wählte ich bewusst aus. Hier habe ich meine Ruhe. Und eine Liege bekomme ich auch noch aufgebaut. Mehr braucht es nicht.

Tatsächlich rollt gleich ein Karpfen „spot on“. Kurz darauf habe ich einige „Springer“, der Bobbin springt mehrfach kurz nach oben. Offenbar Schnurschwimmer. Es ist eindeutig Fisch am Platz, gleich ist Beißzeit.

Aber es kommt anders. Zunächst höre ich, wie zwei Autotüren zugeschlagen werden. Dann Stimmen, lautes Gepolter. Bekomme ich Besuch? Leider ja. Zwei Kollegen der Plastiktüten-Fraktion. Ihre Ausrüstung eher spartanisch. Eimer statt Klappstuhl. Sitzgelegenheit und Transportbehältnis für das obligatorische Bier in einem also. Dazu im typischen Freizeit-Outfit, mit modischem Beinkleid aus weißer Ballonseide. Nix gegen Jogginghosen beim Angeln, sehr bequem. Aber meine „Joggi“ ist wenigstens grün.

Die beiden Spezis wählen den vom Parkplatz aus leichter zu erreichenden Platz genau gegenüber. Hätt´ ich mir denken können. Das Worst case-Szenario wäre, wenn ich jetzt einen Biss bekäme. Eigentlich absurd. Denn für einen Biss fahre ich ans Wasser!

Für den Moment droht in diesem schlimmsten aller Fälle zwar keine direkte Gefahr, denn mit ihren kleinen Futterkörben würden die Experten die Distanz bis zu mir nicht schaffen. Meinen Platz könnte ich trotzdem abhaken. Denn in den nächsten Tagen gäbe es den totalen Kahlschlag. Danach könnte man hier ein Zweimann-Hauszelt aufbauen und ich müsste eine Nummer ziehen, wenn ich an dem von mir mühsam aufgebauten Platz angeln wollte. Denn die Plastiktüten-Fraktion hat viele Freunde.

Ich entscheide mich für den strategischen Rückzug. Zumal für den Mittag Regen vorhergesagt ist. Da wollte ich ohnehin weg sein.

Meine Gegenüber entdecken mich erst, als ich ins Wasser muss, um meine Leinen einzuziehen.

Übertriebene Vorsicht? Keineswegs. Schmarotzertum ist weit verbreitet. Die Gedanken dahinter sind leicht nachzuvollziehen. Warum selbst teures Futter reinwerfen, wenn man sich ins gemachte Nest setzen kann? Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Ich habe nichts gegen andere Angler – nur gegen mangelnden Respekt vor meinem Einsatz.
Mich treibt dabei weniger die Sorge, dass ein anderer Angler mir auf meinem Futterplatz einen Fisch wegfängt. Denn entweder füttere ich zwischen meinen Sessions so üppig, dass die Chance auf einen Biss minimal ist. Oder ich habe gerade abgeräumt und die Fische müssen erst wieder zur Ruhe kommen.

Mein Problem ist vielmehr: Durch fremde Schnüre und zusätzliches Futter im Wasser wird mein mühsam hergestelltes Gleichgewicht zwischen Ruhe, richtig dosiertem Futtereintrag und Fangen gestört. Die Folge: Ich fange in nächster Zeit weniger.

Deshalb räume ich jetzt lieber das Feld. Zehn Minuten später sitze ich im Auto. Meinen Fisch fange ich auch noch beim nächsten Mal.

 

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