Die Trägheit besiegt

von Lukas Brings

Der Alltag stresst mich. Der Schichtdienst zehrt an meinen Kräften, meine Freunde, Freundin und Hobbies kämpfen um die Zeit, die übrig bleibt. Ich will mit 22 Jahren nicht vom Burnout sprechen, aber der nächste Urlaub käme mir jetzt wirklich gelegen. Einen letzten Lichtblick habe ich. Ich kann mir zwei Tage frei nehmen und meine Freundin willigt ein, mich ziehen zu lassen. Der Blick auf Windfinder ernüchtert mich allerdings. Das Frühlingswetter, was meine Motivation einen neuen flachen Torfstich erfolgreich zu beangeln beflügelt hat, bricht gerade wieder ein und es wird wieder winterlich. Aber die Kälte ist nur das Eine. Dazu kommt der Achterbahnluftdruck und die zweit höchste Sturmwarnstufe des deutschen Wetterdienstes.

Trotzdem angeln!
Was machen wir Karpfenverrückten? Na klar, trotzdem angeln! Die Gewässerwahl fällt mir schwer. Am Fluss fange ich bestimmt, aber ich habe ich keinen Bock auf die Horde von Brassen, Welsen und Spaziergängern. Meinem Zielgewicht für 2019 bringt mich dieses Gewässer auch nicht näher. Meine Wahl fällt auf eine ca. 4 Hektar große Badewanne. Hier gibt es ein paar gute Fische und bei vier Metern Wassertiefe sollte der Kälteeinbruch nicht so schwer ins Gewicht fallen. Allerdings habe ich hier selbst im Sommer weitaus mehr geblankt als gefangen. Vorfüttern ist verboten und enorm hoher Angeldruck von guten Anglern sorgt für super zickige Karpfen. Hier wird auf englisch kurzem Rasen im englischen Stil geangelt und das ist nun mal nicht meiner. Ich kann aber die Zeit nutzen, um vor meiner Session jeden Tag eine Runde um den See zu drehen. Vier Tage lang sehe ich kein Zeichen eines Fisches.
Mein einziger Anhaltspunkt ist der relativ konstante, starke Wind. Leider ist der Wind weder richtig kalt noch schön warm. Was wollen dann die Karpfen? Windschatten im Schutz des Totholzes oder volle Kanne Sauerstoff auf der Wetterseite? Ich entscheide mich für die Wetterseite, von der ich mit dem Futterboot auch vor dem windgeschützten Totholz fischen kann.

Endlich draußen
Es ist Sonntag und draußen richtig kalt. Dazu Regen mit Orkanböen. Also Regenjacke an und los. Ein Prahmzelt alleine bei Wind und Regen aufbauen ist so geil wie Fußpilz. Das stylische Vordach würde bei dem Sturm zu viel Angriffsfläche bedeuten. Deshalb lasse die entsprechende Stange einfach weg. Der herunterhängende Lappen schlägt nun aber ununterbrochen gegen die Zelttür. Für den sicheren Stand meines T-Rex Domes verballere ich ein Paket normale und ein Paket extra lange 30cm Heringe. Mit der Paracord meiner Wiegeschlingen spanne ich mein Zelt zusätzlich ab.
Endlich angeln! Die erste Montage mit einem Stein-Drop-off-System wird mit einem Snowman an die eigene Uferkante geschlenzt. Noch ein paar halbe Boilies drüber, fertig. Die zweite Rute bekommt die gleiche Montage. Das Rig mit Tigernuss soll gegenüber ans Totholz. Aber mein Futterboot ist platt, damit kann ich nicht aufs Wasser. So landet die zweite Montage ebenfalls unweit des eigenen Ufers.
Im Zelt mache ich die Heizung an und öffne mir eine Kanne Bier. Wegen des extremen Windes kann ich aber nicht runterkommen. Ich muss aufpassen, dass alle Heringe an ihrem Platz bleiben und auf die Windrichtung achten. Solange der mir ins Gesicht bläst ist alles gut, aber kommt er von hinten durch die alten Pappeln, wird´s gefährlich. Als es dunkel wird, werde ich endlich ruhiger. Leider bleibt es auch sonst ruhig. Lediglich ein Brassenpiepser am nächsten Morgen.

Der Fisch ist weg
Nach dem Frühstück ist Platzwechsel angesagt. Ich folge dem mittlerweile gedrehten Wind zum anderen Ende des Sees. Hier bläst mir der Wind wieder voll vor die Füße. Im Sommer habe ich genau hier bei Sturm auch gut gefangen. Da es trocken bleiben soll, baue ich nur die Ruten auf und schaue was passiert. Wenn in den nächsten Stunden nichts geht, verziehe ich mich in den Windschatten. Es dauert keine 30 Minuten und ich bekomme einen Biss. Nur zwei Schritte zur Rute, doch die Schnur ist wieder schlaff. Nur welche Schnur? Ich realisiere, dass die Schnur 10cm oberhalb meiner Rolle einfach endet. Die Schlagschnur, mein Steinbleisystem samt Fisch sind weg! Shit happens. Ich bin sicher, das Gewicht hat der Fisch schon beim Biss abgeschüttelt und meinen Barblesshaken wird er schnell los. Ich ziehe aus diesem Rückschlag mehr Motivation als Frust. Bei der neuen Montage teste ich den Schlagschnurknoten doppelt. Er ist bombenfest. Wie konnte der gleiche Knoten, mit dem ich zwei Wochen zuvor noch einen stattlichen Wels landen konnte,einfach brechen?

Doch noch Fisch
Die Rute kommt wieder raus und die zweite in etwas tieferes Freiwasser hinterher. Durch die Aktion ermutigt, schlage ich mein Lager auf. Jetzt spüre ich den anstrengenden Tag voller Wind, Kälte und Geschleppe. Ich schlafe noch im Hellen ein und wache erst auf, als ich meine Ruten wieder ohne Kopflampe erkennen kann.
Wieder eine Nacht ohne Fisch.
Mir bleiben nur noch einige Stunden und ich möchte die produktiven Morgenstunden nutzen. Erstmal den Espressokocher anheizen. Gleichzeitig binde ich zwei Multirigs, um sowohl den Schneemann als auch mein Tigernussrig zu ersetzen. Während ich die fertigen Rigs für meine Instagramseite fotografiere, bekomme ich einen Ton. Ich schwenke mit der Kamera auf meine Bissanzeiger. Der Hanger hat sich kaum bewegt. Ich schwenke auf die Stelle, wo das Tigernussrig liegt. Kein Blesshuhn zu sehen. Also Fisch! Eine halbe Minute lang passiert nichts und ich lege die Kamera wieder weg, um mich meinem Espresso zu widmen. Bevor ich einen Schluck nehmen kann, bekomme ich einen Lauf. Ein schöner, nicht allzu schwerer Spiegler liegt kurz danach im Kescher.

Traumhafte Halbzeile
Nachdem ich die Rute neu ausgelegt habe, bekomme ich wenig später noch einen Run. Es ist die gleiche Rute, die vor zwanzig Minuten schon den Spiegler gebracht hat. Nach einem unspektakulären Drill liegt eine traumhafte Halbzeile vor mir im seichten Wasser. Es sind genau diese Momente, in denen sich die Wahrnehmung einmal komplett dreht. Zuerst viel Frust und auf einmal bin ich mächtig stolz, dass ich alter Seebär dem Sturm getrotzt habe. Meine schmerzenden Knochen sind vergessen und selbst ohne Jacke lässt es sich plötzlich draußen aushalten.

Mobiler angeln
Zuhause schaue ich am Rechner meine Speicherkarte durch. Die Emotionen der letzten beiden Tage spiegeln sich in den Bildern wieder und ich entschließe mich spontan, ein paar Zeilen zu schreiben. Aus ein paar Zeilen werden viele. Vielleicht zu viele für „nur“ zwei Karpfen. Aber ich ziehe einen für mich wichtigen Schluss. Die Trägheit, die sich in meine Angelei eingeschlichen hat, muss weg. Ich muss in Zukunft mobiler und aufmerksamer angeln. Wenn ich meinen Arsch hoch kriege, die Begebenheiten am Wasser aufmerksam verfolge und meine Taktik anpasse, dann fange ich auch Fisch. Das hat die zurückliegende Session einmal mehr gezeigt.

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