DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

Zumindest eine Sache haben Karpfen mit uns Menschen gemein: Auch die Fische sind nicht mit ewigem Leben gesegnet. Schon in den vergangenen Jahren wurde ich immer wieder mit dieser bitteren Wahrheit konfrontiert. Immer wieder wurden an einer großen Kiesgrube, meinem derzeitigen Hauptgewässer, verendete Karpfen aus dem Altbestand angetrieben. Gerade das Frühjahr zwischen März und Mai ist eine heikle Zeit. Dann sind die Karpfen vom entbehrungsreichen Winter geschwächt und brauchen ihre Zeit, um sich an die steigenden Temperaturen anzupassen und wieder zu Kräften zu kommen.

Tödlicher Teufelskreis
Was sich im Frühjahr hingegen geradezu explosionsartig vermehrt, sind diverse Ektoparasiten, die Haut, Flossen oder Kiemen befallen. Manche Karpfen sind buchstäblich damit übersät. Erst Parasiten, danach folgt nicht selten Pilzbefall. Ein Teufelskreis, der bei angeschlagenen oder alten Fischen tödlich endet. In meinem Gartenteich, in dem ebenfalls einige Karpfen schwimmen, kann ich diese Zusammenhänge jedes Jahr aus nächster Nähe beobachten. Meine Karpfen haben den Vorteil, dass sie mit dem passenden Kraftfutter gefüttert werden. Dadurch kommen sie schneller zu Kräften. Und damit werden ihre natürlichen Abwehrkräfte gestärkt, der typische Parasitenbefall ist für die ohnehin noch jungen Fische, die generell widerstandsfähiger sind, dann selten ein Problem. Zumal ich im Notfall noch mit Medikamenten eingreifen könnte.

Unbekannte Dunkelziffer
Anders in der eingangs beschriebenen Kiesgrube. Dort hat es in diesem Jahr reihenweise Karpfen dahin gerafft. Wie viele genau? Schwer zu sagen. Etwa 20 tote Karpfen haben wir in den letzten Wochen gefunden. Dazu kommt aber noch eine schwer zu schätzende Dunkelziffer. Fische, die zwar verendet, aber nicht an die Oberfläche gekommen sind. Auch das gibt es. Ich wollte es nicht glauben, bevor ich es nun mit eigenen Augen gesehen habe. Die Fischleiber stehen leblos am Grund, als würden sie leben. Dabei sind sie mausetot! Könnte man sie in der Tiefe mit einer langen Stange erreichen, könnte man sie umstoßen.
Besonders bitter: Unter den Opfern sind ausnahmslos große Fische, darunter mehrere Exemplare aus der obersten Liga. Erst letzte Woche wurde noch ein riesiger Schuppi angetrieben. Nicht mehr eindeutig zu identifizieren, aber deutlich über einen Meter lang. Da bleiben wenige Möglichkeiten...
Meine H-Boje, die ich zur Dokumentation auf den Fisch gelegt habe, wirkt im Vergleich zu dem massigen Körper winzig. Ein trauriges Ende für einen echten Ausnahmefisch.
Die Woche davor war es unter anderem ein großer Spiegler. Ebenfalls schon stark angegriffen und daher nicht mehr eindeutig zuzuordnen, aber ebenfalls einer der Top-Fische. Große Spiegelkarpfen - die waren in der Grube schon vor dem Sterben rar gesät.

Herber Rückschlag
Warum in diesem Jahr so viele Fische innerhalb kurzer Zeit verendeten?
Das hat vermutlich mehrere Gründe. Möglicherweise hat es mit dem späten und damit langen Winter zu tun. Und weil nach dem kalten März die Temperaturen im April so plötzlich nach oben geschnellt sind. Innerhalb weniger Tage hat sich zumindest die Oberflächentemperatur von acht auf fast 15 Grad fast verdoppelt.
Insgesamt sind zwar (zumindest bis jetzt) nicht so viele Karpfen gestorben, wie beim letzten großen Sterben im Jahr 2004, das auf einen Schlag wohl die Hälfte des damaligen Bestandes auslöschte. Dennoch ist das erneute Sterben ein herber Rückschlag für den bereits dezimierten Bestand.
In der aktuellen Woche wurde zum Glück kein weiterer toter Fisch gefunden. Aber jetzt steht noch die Laichzeit bevor. Die nächste Belastungsprobe für die Fische. Es bleibt zu befürchten, dass es noch weitere Karpfen trifft.
Für Großwildjäger stellt sich indes jetzt schon die Frage: Wie viele Karpfen aus dem Altbestand sind noch übrig? Die Zeit wird es zeigen.
Gewiss: Ich könnte die Beantwortung dieser Frage anderen Anglern überlassen und stattdessen an einträglicheren Gewässern fischen. Aber so bin ich nicht. Ich mache mir gerne mein eigenes Bild. Zumal ich mich (bisher) um Gewässer-Alternativen für dieses Jahr nicht gekümmert habe. Damit steht mir vermutlich ein eher ernüchternde Angelsaison bevor – voraussichtlich ohne echte Ausnahmefische.

Karten neu gemsicht
Ganz ohne Fisch werde ich am Ende des Jahres wohl trotzdem nicht dastehen. Denn es gibt durchaus Hoffnung. Erst im Jahr 2016 wurden vom ansässigen Angelverein etwa 1000 Kilo Satz-Karpfen ausgesetzt. Eine unbestritten sinnvolle Maßnahme, um die Verluste der letzten Jahre wieder auszugleichen und mittel- und langfristig das Überleben des Karpfenbestandes zu sichern.
Es war bereits die zweite Besatzmaßnahme. Anfang 2015 wurden schon einmal über 40 Karpfen ausgesetzt – jeder einzelne vorbildlich mit entsprechendem Foto von beiden Seiten und mit Längen- und Gewichtsangabe dokumentiert.
Gewiss: Ein Neubesatz kann die gestorbenen Altfische nicht ersetzen. Zumal vom diesem ersten Besatz längst nicht alle Fische überlebt haben. Bis heute sind aus diesem Besatz erst drei Fische wieder aufgetaucht.
Viele kleine Fische – für Großwildjäger ein Grund, betreffende Gewässer zu meiden.
Durchaus verständlich. Aber was wäre die Alternative zum Neubesatz? Vermutlich irgendwann eine Grube, wo der letzte Karpfen das Zeitliche gesegnet hat.
Die neuen Fische im See sind Spiegler mit gutem Wachstumspotential. Das macht Hoffnung.
Was andererseits nicht bedeutet, dass sich der Nachwuchs nun im Vorbeigehen fangen lässt. Bei einer Wasserfläche von über 200 Hektar und aufgrund des massiven Krautwachstums bleibt jeder Fang in der Grube aufwändig und obendrein futterintensiv. Ein Aufwand, für den auch ich mich schwerer motivieren kann, wenn die realistische Chance auf einen echten Ausnahmefisch fehlt.
Aber das ist wohl der Preis für den überfälligen Generationswechsel, da muss ich jetzt durch.

Neue Herausforderungen
Wann und ob in der Kiesgrube wieder Karpfen über 25 Kilo nachgewachsen sind?
Schwer zu sagen. Möglicherweise wird das noch Jahre dauern. Dafür sind die Karten unter Wasser neu gemischt. Das birgt durchaus neue Herausforderungen, ich befische jetzt quasi ein neues Gewässer. Und ich bin ehrlich: Meine Hoffnung auf einen vielleicht übrig gebliebenen Ausnahmefisch will ich (noch) nicht ganz begraben. Nichts ist unmöglich und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Kay Synwoldt

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