Der Tausend-Prozent-Blank

Es ist vor jeder Session das Gleiche: Ich ahne bereits, wie mein Ansitz ausgehen wird. Jedoch, mal schön und mal ernüchternd: Nicht immer bestätigt sich meine Vorahnung.

Da gibt es den einen Fall: milder Südwestwind, wolkenverhangener Himmel, es riecht nach Karpfen. Wiegeschlinge und Karpfensack liegen bereit, meine Kamera ist schon auf Portrait-Modus eingestellt. Schließlich dürfte es höchstens eine halbe Stunde dauern, bis der erste Karpfen auf der Matte liegt. Umso größer die Enttäuschung, wenn aus dem fest eingeplanten Triumph nichts wird. Nichts, nada, nothing. Trotz augenscheinlich bester Bedingungen bleibt der Kescher trocken.

Es gibt auch den umgekehrten Fall: Ich fahre mit dem mulmigen Gefühl ans Wasser, dass das heute nichts wird. Wieso soll etwas beißen, bei dem hohen Luftdruck, bei diesem kalten Ostwind? Und angesichts des wahrlich nicht optimalen Wetters habe ich vermutlich zu viel vorgefüttert.

Ich sei zu negativ eingestellt, muss ich mir dann oft anhören. Dabei bin ich Realist. Und zumindest meine Negativ-Prognosen bewahrheiten sich meist. Wenn ich ehrlich bin, entspringt meine eher pessimistische Grundhaltung einem gewissen Zweckdenken. Selbstverständlich hoffe ich insgeheim, dass ich mit meiner Blank-Prognose falsch liege. Tritt dieser (zugegeben seltene) Fall tatsächlich ein, genieße ich den unerwarteten Fangerfolg umso intensiver. Fange ich nichts, ist der Blank hingegen schnell abgehakt. Schließlich hab ich´s vorher gewusst.

Dann gibt es den dritten Fall: Ich gehe von einem garantierten Blank aus. Von einem Tausend-Prozent-Blank gewissermaßen. Vielleicht weil ich nicht vorgefüttert habe. Weil es nur eine Test-Session sein soll, um herauszufinden, wie ich meinen zukünftigen Angelplatz am besten einrichte. Wo soll ich das Bivvy aufstellen? Wie platziere ich die Ruten, am Ufer oder eher im Wasser vor der Schilfkante? Und natürlich auch: Wo sind die interessanten Plätze unter Wasser? Kurzum: Ich möchte das Gewässer kennenlernen. Solche Sessions, bei denen ein Fisch gar nicht eingeplant ist, kommen selten vor. Denn ich fahre ans Wasser um Fisch zu fangen. Wer angelt schon gerne mit einer Blank-Garantie?

Am letzten Wochenende war es mal wieder soweit. Eine kleine Kiesgrube, für mich ein neues Gewässer. Karpfenbestand weitgehend unbekannt, die erstbeste Stelle ohne genaueres Ausloten ausprobiert, vorher nicht gefüttert. Ein reiner Testansitz also um das Gewässer kennen zu lernen. Und um zu erfahren, ob der Funke überspringt. Trotz des eingeplanten Tausend-Prozent-Blanks fange ich kurz vor dem Einpacken einen sehr kompakten Schuppi. Der Fisch muss kurz in die Schlinge. Denn meinen Überraschungsfang möchte ich auf einem Foto festhalten.

Solche unerwarteten Erfolge sind es, die mir besonders lange in Erinnerung bleiben.

Kay Synwoldt

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