Der Biss der Woche

Es ist fast Weihnachten – ich stelle den nagelnden Dieselmotor meines Kombis aus. Ich bin am See angekommen. Das Außenthermometer zeigt 2°C an. Voller Tatendrang öffne ich den Kofferraum und entlade meine wenigen Ausrüstungsgegenstände: Rucksack, Futteral und einen Stuhl. Meine Abhakmatte liegt versteckt im Wald. Das stinkende, alte Ding lasse ich zurzeit zwischen den Sessions am Wasser liegen. Am See treffe ich jetzt keine Angler mehr. Da besteht kaum die Gefahr, dass sie jemand mitnimmt. Außerdem liegt sie gut unterm Laub versteckt. Und wenn ich sie schon nicht im Haus haben will... Knirsch, Knirsch, Knirsch. Ich laufe den schmalen Feldweg über die noch verbliebene Grasnarbe. Über Nacht hat es gefroren, das Gras ist mit einer dünnen Reif-Schicht überzogen. Dieses knirschende Geräusch unter meinen Sohlen verheißt nichts Gutes. Ich bringe es mit schlechten Fangergebnissen in Verbindung.

Der Himmel ist sternenklar, der Wind weht kräftig. Zweifel kommen auf, ob es diese Woche mit den Karpfen klappt. Letztes Wochenende bin ich leider leer ausgegangen.

Auch für mich ist jeder Blank wie ein Schlag ins Gesicht. Danach jedes Mal dieselbe Frage: Ist der ganze Aufwand überhaupt noch gerechtfertigt? Zweimal die Woche nehme ich die gut einstündige Autofahrt zum Füttern in Kauf. Dazu noch einmal am Wochenende. Nur um etwa sechs Stunden Angelzeit zu nutzen.

Gerne würde ich meine Schlagzahl erhöhen und noch einmal oder sogar zweimal mehr in der Woche fischen. Leider lässt das mein Vollzeitjob und das Familienleben nicht zu. Also muss der Biss eben während meiner kurzen Tagessitzung kommen. Nüchtern betrachtet ein eher aussichtsloses Unterfangen.

Aber ich bleibe optimistisch. Meine beiden Ruten sind auch dieses Mal schnell bestückt. Die eine bekommt einen pinken Pop-up als Snowman. Die andere bleibt unauffällig mit einem einzelnen Bodenköder.

Klatsch, klatsch – meine Montagen landen exakt auf den Platz. Dieses Mal füttere ich nur sechs Boilies pro Rute dazu. Ich will es nicht übertreiben und hoffe das meine Futtermenge von zweimal 400 Gramm Boilies, die ich insgesamt in der Woche eingebracht habe, inzwischen weg gefressen wurde.

Etwa kurz nach 10.00 Uhr: BAAAM – ich bekomme einen kräftigen Schlag in der rechten Rute. Ich nehme sofort Kontakt auf und spüre am anderen Ende einen kräftigen Karpfen. Ich versuche zwar ruhig zu bleiben, bin allerdings extrem nervös, ich will diesen Fisch unbedingt haben.

Mein Gegenüber zumindest zieht ruhig seine Bannen im etwa acht Meter tiefen Wasser. Die gespannte Schnur heult im Wind, ich warte auf den Augenblick, wenn der Fisch zum ersten Mal die Oberfläche durchbricht. Aber ein paar Minuten später ist das heulende Geräusch plötzlich vorbei. Meine Schnur erschlafft, der Fisch ist ausgeschlitzt. Ich kurbele die Montage rein, schleudere die Rute vor Wut beiseite und lasse mich in meinen Stuhl fallen.

Schnell realisiere ich: Das war soeben der Biss der Woche, ich habe meine Chance vertan. Ich brauche ein paar Minuten um mich wieder zu fangen. Aber egal, wie gut mein Rig ist, egal wie scharf mein Haken ist und egal wie gut mein Köder ist – einen Fisch zu verlieren gehört leider dazu.

Trotzdem bin ich frustriert und damit jetzt seit zwei Wochen ohne Fisch. Und sind wir ehrlich: Ist es nicht irgendwie noch schlimmer, einen Fisch zu verlieren, als gar keinen Biss zu bekommen? Das fühlt sich nicht gut an, es tut mir regelrecht weh.

Aber es nützt nichts: Jetzt heißt es einpacken, es geht ab nach hause. Ich werde nun wieder eine komplette Woche durcharbeiten müssen. Und werde warten müssen, bis ich wieder Zeit habe für ein paar Stunden zu angeln.

Ob ich überhaupt weiter machen werde?
Wir werden sehen. Normalerweise höre ich erst auf, wenn die Gewässer zufrieren.

Ein Teil von mir hofft das sogar. Denn dann hätte endlich die „liebe Seele Ruhe“.

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