DAS GROSSE FRESSEN

Der Herbst ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Das große Fressen, die Zeit also, in der sich die Karpfen vor dem Winter noch einmal die Plauze voll schlagen und hemmungslos alles abräumen, was sie kriegen können – das habe ich in diesem Herbst einmal mehr nicht erlebt. Im Gegenteil: Der angeblich so „goldene“ Oktober – ein Totalausfall. Und der November war bisher auch nicht besser.

Woran liegt´s?

Eine mögliche Begründung sind die aktuellen Klimaveränderungen. Es gibt immer seltener harte Winter. Vielleicht fällt dadurch die Notwendigkeit für die Fische weg, sich im Herbst den Bauch voll zu schlagen. Denn die Karpfen finden auch im Winter noch Nahrung.

Andererseits: Es gibt sie durchaus noch, die richtigen Winter. Dann hätten die Karpfen Pech. Kann sich die Natur ein solches Risiko leisten? Außerdem: Müssten wir die Fische im Winter dann nicht leichter fangen können, weil sie sich im Herbst keinen so großen Vorrat angefressen haben und deshalb zumindest ab und zu einmal einen Snack zu sich nehmen müssen?

Auch davon habe ich in den letzten Wintern nichts gemerkt.

Da gibt es noch andere Einflussfaktoren. Zunehmenden Angeldruck und den damit verbundenen Futtereintrag zum Beispiel. Wenn ein Gewässer schon die ganze Saison intensiv mit Boilies befüttert wird, braucht man sich nicht wundern, wenn im Herbst das große Fressen ausbleibt. Die Karpfen haben nämlich im September schon prall gefüllte Bäuche.

Oder: Getreu der Maxime, im Herbst kann eine Schippe mehr nicht schaden, wird das betreffende Gewässer von übermotivierten Anglern trotzdem regelrecht mit Futter zugeschüttet. Beim großen Fressen bleiben die Angler dann Zaungäste – weil die Fische bei so viel freiliegendem Futter ganz automatisch seltener gehakt werden. Und wird es mit der intensiven Befischung nicht generell schwieriger, die Fische ein weiteres Mal zu überlisten?

Was ist mit Gewässern, die kaum beangelt werden? Da müsste es doch anders sein. Aber auch hier scheint es schwer zu sein, die Karpfen im Herbst richtig aufs Futter zu bekommen. Ohne Zweifel ein interessantes Argument gegen meine Futtertheorie. Sind es also doch die verhältnismäßig milden Winter, die uns im Herbst das Leben zunehmend schwerer machen?

Ich habe diesbezüglich meine alten Angeltagebücher durchstöbert. Objektiv betrachtet gab es schon immer bessere und schlechtere Jahre. Oft war das von individuellen Witterungseinflüssen im jeweiligen Herbst abhängig. Plötzliche Temperaturstürze mögen die Fische gar nicht. Es kommt hinzu, dass die meisten von uns heute schwierigere Gewässer befischen, in denen weniger, dafür aber größere Fische schwimmen. Und da sind Massenfänge sowieso unwahrscheinlich – erst recht, wenn man die wenigen Fische mit der Konkurrenz teilen muss.

Möglicherweise ist alles auch nur mein subjektiver Eindruck. Denn in der Redaktion werden selbstverständlich immer noch regelmäßig dicke Herbst-Karpfen gemeldet. Und durchforstet man das Internet, fangen die ganzen Hipster sowieso immer und überall.

Möglicherweise tragen aber die allgegenwärtigen Web-Fangmeldungen auch zur verzerrten Wahrnehmung bei. Weil man dort nur von den Erfolgen liest. Über ihre Niederlagen schreiben die Wenigsten. In Relation zur Zahl an Anglern, denen es ähnlich geht wie mir, könnten die Superangler in Wahrheit also auch in der Minderheit sein. Die allgemein nachlassenden Fänge im Herbst – es ist wohl das Zusammenspiel mehrerer Faktoren, das dafür verantwortlich ist.

Und ich bin überzeugt, mit der passenden Taktik kann man noch immer einen „goldenen“ Herbst erleben. Vielleicht muss ich dafür nur Geduld mitbringen und mich mit weniger zufrieden geben. Wer schon im Oktober die Saison für beendet erklärt, verpasst womöglich das Beste. Denn eine weitere Beobachtung kann ich auf jeden Fall bestätigen: Die richtig dicken Fische werden immer später im Jahr gefangen. Ende November und der Dezember sind dafür eine aussichtsreiche Zeit. Und ein einziger Fisch kann das Ruder bekanntlich immer noch herumreißen.

Kay Synwoldt

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