Bei Nacht und Nebel

Mit einem Freund hatte ich eine längere Session geplant. Kurz bevor er bei mir eintraf, riss der Keilriemen an seinem Auto. Mein Anhänger, der bis obenhin voll beladen war, stand nun vor meiner Haustür. Und jetzt? Mein Auto hat keine Anhängerkupplung. Wie sollen wir das Tackle zum See bekommen? Alles umpacken? Die Ausrüstung passt definitiv nicht ins Auto.
Unsere Session drohte ins Wasser zu fallen.

Zum Glück konnte meine Freundin noch ein Auto mit Anhängerkupplung organisieren. Sie fuhr uns schließlich mit komplettem Equipment zum See. Die ganze Aktion nahm allerdings viel Zeit in Anspruch. So waren wir erst um 22:00 Uhr am See.

Unsere Session stand wirklich unter keinem guten Stern. Denn jetzt stürmte und regnete es wie aus Eimern. In kurzer Zeit war alles vom Regen durchnässt, unsere Laune am Tiefpunkt.

Und im Hinterkopf hatten wir auch noch das Problem mit dem Keilriemen, was noch behoben werden musste.

Aber viel Zeit zum Nachdenken bekamen nicht. Ich machte einen Sprung und rannte zu meinen Ruten. Der sitzt! Am anderen Ende wurde langsam aber kontinuierlich Schnur von der Rolle gezogen. Das musste ein dicker Fisch sein. Mein Freund stand mit dem Kescher Gewehr bei Fuß, mein Herz pochte schneller denn je. Da ich hinter einer steil abfallenden Kante von fünf Metern fischte, musste ich schnell Druck aufbauen. Auf einer Entfernung von 120 Meter bedeutete das maximale Belastung für Schlagschnur und Rute. Aber es ging alles gut, das Brett war im Kescher.
Sturm und Regen registrierte ich in diesem Augenblick nicht, ich war eins mit Mutter Natur.
Meine Rute bestückte ich neu, wechselte die angeschlagene Schlagschnur und meinen Haken. Mittlerweile war der Wind noch stärker geworden – mit Sturmböen von 47 km/h.

Um kurz nach eins ertönte erneut die linke Rute, mit der ich kurz unterhalb der Sprungschicht fischte. Durch den Sturm eilte ich meinem schreienden Bissanzeiger zur Hilfe und nahm die Rute auf.

S***, der saß bombenfest!

Da stand ich nun mit krummer Rute im Regen und Sturm – nur mit T-Shirt und Jogginhose bekleidet. Ich schaute meinen Kollegen fragend an während ich Schritt für Schritt und mit erhobener Rute nach hinten ging, um mehr Druck aufzubauen. Der Wind pfiff durch meine Rutenringe und vor meinem geistigen Auge befürchtete ich bereits, den Fisch zu verlieren – als er sich plötzlich bewegte und die Schnur wieder frei war.

Nach kurzem Drill bekam ich dann einen makellosen Spiegler zu Gesicht. Ein schöner Fisch!
Jetzt bloß keine Zeit verlieren und schnell wieder meine Ruten raus. Ich war gerade wieder zurück im Schlafsack, als plötzlich wieder meine Funkbox ertönte!

Wie jetzt? Schon wieder Biss?

Völlig verwirrt riss ich meinen Schlafsack erneut auf und rannte mit gerade frisch gewechselten Klamotten hinaus in den Regen. Es war die Rute, die ich gerade erst abgelegt hatte. So schnell der nächste Biss – eher untypisch an diesem See. Mit sollte es in diesem Augenblick egal sein, denn nach einem heftigen Drill bekam ich einen weiteren dicken Spiegler vor die Linse.

Bei kälteren Temperaturen ist es umso wichtiger, sein Angeln an den jeweiligen Wetterverhältnissen zu orientieren. Wenn der Südwestwind irgendwo mit voller Kraft ans Ufer drückt, sollte man die Gelegenheit nutzen.

Bei meiner beschriebenen Session bliebt es – abgesehen vom weiterhin stürmischen Wind – ruhig. Aber auch das ist typisch fürs zeitige Frühjahr: kurze, aber heftige Beißzeiten.

Unsere Nacht- und Nebel-Aktion hat sich definitiv gelohnt. Es war die richtige Entscheidung, sich nicht vom ungemütlichen Wetter oder einem gerissenen Keilriemen oder aus dem Rennen werfen zu lassen.
Marvin Kreisel

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