Balsam für die Seele

Blanken ist nicht cool, blanken macht mürbe. Wer über Wochen oder sogar Monate nichts fängt, beginnt zu zweifeln. Am Spot, an den Ködern, am einstigen „Vertrauens-Rig“, an der Futter-Strategie. Schlussendlich stellt man das gesamte Angeln in Frage. Daran ändern auch viele Jahre Erfahrung und die damit scheinbar gewonnene Gelassenheit nichts. Irgendwann ist einfach Schluss mit lustig!

Außerdem: Zu viele Zweifel sind schlechte Voraussetzungen, wenn der Herbst und damit der große Endspurt des Jahres näher kommt. Denn jetzt braucht man es ganz besonders: jedes Fünkchen Einsatzwillen und Selbstvertrauen. Nur dann kann es an schwierigen Gewässern (vielleicht) gelingen, das Ruder doch noch herum zu reißen, und das Jahr mit einem gewichtigen Abschluss zu krönen.

Wenn es an meinem Hauptgewässer, einer dünn besetzten Kiesgrube, trotz bevorstehendem Herbst partout nicht laufen will, dann brauche auch ich zwischendurch Abwechslung. Ich muss ausbrechen aus dem gewohnten Trott von aufbauen, nichts fangen und wieder abbauen. Ich brauche Action, muss wenigstens zwischendurch mal einen Karpfen fangen. Damit ich überhaupt noch weiß, wie´s geht.

Ja, ich bin überzeugt – man kann es vergessen, wie es sich anfühlt, wenn ein Fisch am anderen Ende der Leine zerrt. Alles nur eine Frage der Zeit. Soweit will ich es nicht kommen lassen. Nur dafür braucht es ein gut besetztes Ausgleich-Gewässer, an dem es nicht so schwer ist, einen Karpfen zu fangen.

Gar nicht so einfach zu finden, so ein Gewässer. Denn „leicht“ ist erfolgreiches Karpfenangeln heute beileibe nicht mehr. Einfach so einen Fisch fangen, ohne großen Aufwand – das gab es mal in meiner Jugend. Oder heute nur noch an Gewässern außerhalb meiner Reichweite.

Heute läuft hier an den meisten Gewässern nichts, ohne vorher wenigstens ein wenig Futter hinein zu werfen, oder ohne vorher stundenlang Location zu betreiben, um danach seine Köder auf einen Quadratmeter genau in direkter Nähe zum nächsten Fischmaul zu präsentieren. Selbst Gewässer, an denen man früher in ein paar Stunden angeln locker drei oder vier Karpfen fangen konnte, präsentieren sich heute in einem komplett anderen Bild. Früher jedes Jahr mit K3 besetzt, sind es heute wahre Low-Stock-Seen.

Zumindest gefühlt, wird es dort jedes Jahr schwieriger, zum Erfolg zu kommen. Genau wie an einfachen, vergleichsweise gut besetzten Gewässern. Aber manchmal klappt es eben doch. Offenbar habe ich alles richtig gemacht, ich hatte den richtigen Riecher. An einem kleinen Vereinstümpel gleiten gleich drei schöne Karpfen hintereinander in meinen Kescher. Mein Rig funktioniert plötzlich wieder, die Karpfen fliegen förmlich auf mein Futter – als hätte ich nie daran gezweifelt.

Es sind keine Riesen, die da auf meiner Matte landen. Mir ist das egal. Hauptsache es zuppelt mal was am anderen Ende.
Balsam für die (Angler-)Seele.

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