Ausweichmanöver

Wieder sitze ich fassungslos unter meinem Schirm. Soeben ist mir ein weiterer Karpfen im Drill ausgeschlitzt. Die Nummer 4 in Folge. Ich kann es nicht fassen, was gerade bei mir passiert. Seit mehreren Wochen habe ich nun keinen Fisch mehr gefangen. Mein Gewässer – klein und langgezogen, mit einer Durchschnittstiefe von nur etwa einem guten Meter. Dort schwimmen keine Giganten, dafür aber ein paar außergewöhnliche schöne und sehr alte Fische. Die habe ich schon mehrfach in kürzester Entfernung vor meinen Füßen beobachtet. Nicht die traditionellen, konditionierten Boiliefische, die man von vielen anderen Gewässern kennt. Eher jene, die mit natürlicher Nahrung gewachsen sind. Und noch heute wachsen.

Die Fischdichte ist nicht besonders hoch. Mit einem bis zwei Anbissen pro Sitzung kann man schon zufrieden sein. Vorausgesetzt, man bekommt diese dann auch ins Netz.

Womit wir wieder bei meinem Problem wären. Denn leider klappt genau das bei mir zurzeit absolut nicht. Egal was ich mache, es geht einfach schief. Mein Selbstvertrauen, welches man durch das Fangen von Fischen bekommt, ist kaum mehr vorhanden. Noch nie habe ich in all den Jahren solche Schwierigkeiten und Zweifel an meinem Handeln gehabt. Momentan würde ich wohl jedes Rig dranhängen, welches mir ein anderer Karpfenangler gibt. Mit dem Versprechen, damit landet ein gehakter Fisch auch im Netz.

Es gibt sicherlich Schlimmeres im Leben, als Fische zu verlieren. Aber man geht doch auch ans Wasser, um etwas zu fangen. Aber keines meiner Vertrauensrigs funktioniert. Genau hier, an diesem kleinen, magischen Ort gelten scheinbar andere Gesetze. Ich weiß, beim Karpfenangeln geht es nicht immer bergauf. Aber die momentane Talfahrt, bedingt durch Misserfolge, setzt mir so dermaßen zu, dass ich nach meinem erneuten Ausschlitzer fluchtartig das Wasser verlasse.

Nach einer Dusche und einem kräftigem Kaffee ziehe ich zuhause neue, kräftigere Schnur auf meine Basia Rollen. Zum Baggersee soll es nächstes Wochenende gehen. In der Hoffnung, dort mit ein paar Karpfen auf der Matte das nötige Selbstvertrauen zurück zu bekommen. Ein Ausweichmanöver sozusagen. Die Woche auf der Arbeit zieht sich wie ein Kaugummi. Am Mittwoch nach getaner Arbeit füttere ich meine Plätze nochmals gut an. Dieses Mal soll alles klappen.

Freitag Abend, etwa 20:00 Uhr am Baggersee: Meine Rigs liegen seit etwa zwei Stunden am Platz. Genau in den Clip geworfen in korrekter Entfernung zur abfallenden Kante. Alles scheint perfekt. Ich liege auf meiner Liege im Zelt, bin müde von der anstrengenden Arbeits-Woche. Und die letzten Nächte mit unsere beiden Kindern waren ebenfalls anstrengend. Mit wenig Schlaf als Folge.

Ich lasse gerade die Woche Revue passieren, als sich eine meiner Ruten mit langsam abziehender Bremse und Dauerton meldet. Ich fliege förmlich zur Rute und nehme Kontakt auf. Jetzt muss alles glatt gehen.

Neue Schnur und sauber gebundene Rigs sind montiert. Der Fisch klebt am Boden fest. Ich spüre, dass mein Gegenüber Gewicht hat. Ich drille ganz langsam, will den Fisch nicht verlieren. Nach etwa zehn Minuten macht es Peng!

Die Rutenspitze schnellt zurück, ich kurbele meine Montage zurück und sehe, dass mein Vorfach gerissen ist. Eine Welt bricht zusammen. Ich kann es kaum in Worte fassen und zu Papier bringen, aber es war bestimmt gut, dass ich zu diesem Zeitpunkt alleine dort war. So lasse ich meine Wut an meinem Tackle aus. Meine Rute fliegt im hohen Bogen ins Gras. Was habe ich nur verbrochen, dass ich diese Saison so auf die Schnauze bekomme?

Ich brauche bestimmt 30 Minuten, um mich wieder einigermaßen zu beruhigen. Irgendwie schaffe ich es trotzdem, mich zu motivieren und die Rute neu an den Platz zu werfen. Mit einem schnellen ziiiiipppp ziehe ich die Bude zu und hasse mich und die Welt.

Aber ich bekomme zumindest noch ein Trostpflaster. Denn bis zum nächsten Morgen fange ich dann doch noch zwei schöne Karpfen. Bei diesen beiden Fischen geht zumindest nichts schief. Meine nasse Matte und der Wiegesack über unserem Gartenzaun kommentiert meine Frau mit: „Na siehst Du, es klappt doch!“ So richtig freuen kann ich mich über die Fische trotzdem nicht. Zu tief sitzt der Dorn der vorangegangenen Niederlagen und zu sehr habe ich noch das kleine Gewässer im Kopf...

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